Low-Demand Parenting

Amanda Diekmann

Empfehlung: 10/10 Jessica Kingsley Publishers · 2023 · 160 Seiten · ISBN 978-1-83997-768-8

Worum es geht

Amanda Diekmann hat drei Söhne in vier Jahren bekommen, alle drei neurodivergent. Als ihre Geschichte beginnt, steckt die Familie mitten in der Krise: Wutanfälle bestimmen den Tag, die Kinder verletzen einander und sie selbst, die Mutter hat eine Wochenbettdepression. Strafen, Belohnungen und Konsequenz, wie sie in Erziehungsratgebern empfohlen werden, machen alles schlimmer. Dann erleidet ihr zweiter Sohn Michael mit sechs Jahren einen autistischen Burnout, nachdem er innerhalb von vier Monaten viermal die Schule gewechselt hat. Er liegt zwölf Stunden am Tag unter einer Decke, schaut YouTube und spricht nicht mehr mit ihr.

Michael und sie bekommen kurz nacheinander die Autismus-Diagnose. In einer Elterngruppe liest sie dann zum ersten Mal von PDA, einem Autismusprofil, bei dem Alltagsanforderungen als Bedrohung der eigenen Freiheit erlebt werden und Panik auslösen. Daraus entsteht das „Low- Demand Parenting“: ein Familienleben, in dem Anforderungen Schritt für Schritt gesenkt werden, bis das Nervensystem des Kindes wieder zur Ruhe kommen kann. Das Buch ist Erfahrungsbericht und Anleitung zugleich. Es erzählt, wie ihr das gelang, und beschreibt jeden Schritt so genau, dass andere Familien sich daran orientieren können.

Dabei bleibt der Ton warm und ohne Pose. Erschöpfung, Fehler und Scham stehen genauso offen da wie die Fortschritte. Eltern, die selbst im Dauerlauf stecken, begegnen hier einer Stimme, die das alles kennt.

Anforderung, Erwartung, Bedürfnis

Hinter jedem Streit liegt eine Anforderung. Dahinter steht eine Erwartung („Lerne, sanft zu sein“), und darunter liegt ein Bedürfnis der Eltern („Ich brauche Ruhe nach einem lauten Tag“). Wer nur auf das Verhalten schaut, sieht Schreien, Treten und Weinen. Wer die Anforderungen in den Blick nimmt, erkennt, was das Kind gerade überfordert. Diekmanns Leitsatz lautet: Wenn ein Kind etwas nicht tut, kann es das gerade nicht. Dazu gehört das Bild einer Gazelle, die auf der Weide einen Zweig knacken hört und erstarrt. Niemand käme auf die Idee, ihr zu befehlen, einfach weiterzufressen.

Wie viele Anforderungen in einem winzigen Moment stecken, zeigt das Beispiel „Schuhe anziehen“. Muss das Kind dafür sofort aufhören zu spielen? Soll es schnell gehen? Im lauten Flur? Sitzend, allein, mit Hilfe, und mit wessen? Mit Worten, mit „bitte“? Nach gut zwanzig Fragen wirkt der einfache Satz plötzlich ganz anders. Die Autorin unterscheidet das Loslassen im Moment („Ach, du musst nicht“), das vorausschauende Loslassen und den „Fake Drop“. Beim Fake Drop fällt die Anforderung weg, der Ärger darunter bleibt. Der Groll der Eltern zeigt, dass noch ein eigenes Bedürfnis darauf wartet, wahrgenommen zu werden.

Eine Geschichte vom Frühstück

Wie sich das auswirkt, zeigt das Frühstück. Morgens in der Küche wirft ihr Sohn mit Essen um sich, schreit seine Brüder an und kann sich nicht entscheiden, welche Schale, welchen Löffel und welche Milch er möchte. Diekmann schreibt zuerst alle Anforderungen auf: nach unten kommen, am Tisch sitzen, auf einem vom Erwachsenen ausgewählten Stuhl sitzen, mit Worten bestellen, warten, bis Müsli und Milch da sind, Gespräche aushalten, den Hund neben dem Stuhl dulden. Dann fragt sie, was davon wirklich wichtig ist, und lässt fast alles los.

Das Kind isst jetzt allein und in Ruhe, jeden Tag an einem anderen Platz, denn Abwechslung gehört dazu. Seine Mutter baut ein Kissennest mit Stofftieren, Decke und Tablet. Eine laminierte Karte zeigt die sechs Frühstücke, die immer im Haus sind, auch solche Auswahlmöglichkeiten, die in klassischen Familien vielleicht nicht gerade als gesundes Frühstück gelten. Michael zeigt darauf, schreibt mit einem Stift oder legt ein Spielzeug auf das gewünschte Gericht. An schweren Tagen stellt sie wortlos alle sechs vor ihn hin, und er stößt um, was er nicht will. Eines Morgens bestellt er ruhig und mit Worten Müsli, als hätte er das nie anders gemacht. Seine Mutter reicht ihm die Schale und bleibt still. Er isst unter seiner Decke und kommt danach hervor, um zu fragen, ob sie spielt. Für sie ist dieser Tag ein Wendepunkt.

Das eigene Warum

Wer Anforderungen loslässt, muss herausfinden, warum sie ihm wichtig waren. Diekmann rät, so lange „Warum?“ zu fragen, bis der Körper reagiert. Ihr Beispiel ist der Sohn, der beim Essen nie ganz auf dem Stuhl sitzt, ein Bein hoch, ein Bein am Boden. Warum soll er sitzen bleiben? Damit er nicht ständig aufsteht. Warum stört das? Weil die Brüder sonst nicht essen. Warum ist das wichtig? Weil einer ohnehin so wenig isst. Am Ende ging es gar nicht ums Sitzen, sondern um die Sorge um ein anderes Kind. Außerdem stellte sich heraus, dass der Junge Kaugeräusche kaum erträgt. Er war nicht unartig, er flüchtete. Als er allein essen durfte, war er erleichtert.

Das Buch macht damit etwas Seltenes: Es fragt Eltern nach ihren Bedürfnissen. Der Morgenkaffee bedeutet der Autorin Ruhe, weil sie als empathischer Mensch die Gefühle anderer aufnimmt. Die Spaziergänge am Nachmittag helfen ihr über ihr Tief um drei Uhr hinweg. Wenn das klar ist, lassen sich beide Dinge anders lösen, ohne dass das Kind etwas ändern muss. Dazu gehören ein Schlüsselfinder, eine Zeitansage und früheres Losgehen. Der Ansatz gilt auch für die Eltern: Wer immer nur mehr von sich verlangt, brennt aus.

Zuhören, ohne zu fragen

Schon Fragen können für viele Kinder eine Anforderung sein. Deshalb rät das Buch, in Aussagen zu sprechen: „Ich frage mich, ob“, „Ich habe eine Vermutung“, „Ich bin nicht sicher, ob ich es richtig verstehe“. Ein Daumen nach oben, zur Seite oder nach unten ersetzt die Antwort. Auch Schweigen ist in Ordnung, denn manche Kinder brauchen Zeit, um Informationen zu verarbeiten. Auch Schreien und Rückzug gelten als Mitteilung. Michael spricht zeitweise am liebsten als Welpe, der anstupst und sich auf den Schoß kuschelt. Für die schwersten Tageszeiten entstehen Karten und Tafeln, auf die er zeigen kann.

Auch die Haltung der Eltern zählt. Kinder nehmen die Stimmung stärker wahr als die Worte. Deshalb: langsamer sprechen, die Stimme senken, die Schultern lockern, sich hinhocken. Als Michael sich hinter seiner verschlossenen Tür zurückzieht, klopft seine Mutter nicht mehr. Sie stellt ein Glas Wasser vor die Tür und schiebt ein Bild davon unter der Tür durch.

Bei uns gibt es kein Müssen

Dass auch die Autorin Fehler macht, gehört zu den stärksten Stellen. Michael geht sonst gern zur Sprachtherapie, nun sträubt er sich. Seine Mutter hätte gern ihre ruhige Stunde im Wartezimmer zum Schreiben und drängt ein wenig. „Na gut, ich gehe“, sagt er, ein Alarmzeichen. Seine Stimmung kippt schnell. Sie lenkt hastig ein: Er müsse nicht bleiben. Da sagt er: „Mama, du sagst, bei uns gibt es kein Müssen, aber gerade zwingst du mich.“

Sie sieht, dass er recht hat. Er erinnert sie an die Hausregeln, die sie selbst aufgestellt hat. Sie entschuldigt sich und dankt ihm, dass er sie erinnert. Dann sucht sie eine andere Lösung für ihre Pause. Er sieht sich ein Video an, das sie nicht mit ihm anschauen muss, während sie Runden um den Block läuft und ihm jedes Mal zuwinkt. In der Woche darauf geht er gern zur Therapie. Wäre er nicht gegangen, wäre es auch in Ordnung gewesen. Dann wäre es eine Mitteilung gewesen, der die Mutter nachgegangen wäre.

Hausregeln und Medienzeit

Aus alledem entsteht ein Alltag mit Regeln, die Freiheit ermöglichen: Wir zwingen und drängen einander nicht. Wir geben Raum, wenn jemand ihn braucht. Wir essen, was und wann der Körper es verlangt. Wir entscheiden selbst, wann wir Medien nutzen. Alle lernen immer, und Fragen ist erlaubt. Alle tun ihr Bestes. Strafen und Belohnungen gibt es nicht. Die Regeln gelten auch für die Eltern: Wer nicht beklettert werden will, sagt das. Verbote wie „Hände sind nicht zum Hauen da“ meidet die Familie, weil Diekmann glaubt, dass sie den Druck erhöhen.

Medienzeit bekommt zwei eigene Kapitel. Für Michael waren Bildschirme im Burnout das Einzige, was er aushielt. Hier lässt sie die Grenzen als Erstes los und begreift, dass ihre Sorge in Wahrheit Scham war. Heute spielen die Kinder, während sie daneben sitzt, schreibt, strickt oder liest und sich von den Minecraft-Welten erzählen lässt. Ihr ältester Sohn Owen sagt es ihr eines Abends so: Sie habe aufgehört, ihn zu kontrollieren, und nun sei er endlich selbst zuständig für sein Leben. Ein anderes Mal lag ein wütender Ausbruch nur daran, dass im Spiel der Schwierigkeitsgrad versehentlich auf „ultra“ stand. Sie stellte ihn auf mittel, und das Spiel machte wieder Spaß.

Zu zweit

Ein Kapitel gilt der Partnerschaft. Diekmann hat sich früher als ihr Mann Brian auf den neuen Ansatz eingelassen. Er brauchte mehr Zeit, glaubte lange an Routinen und Grenzen und arbeitete viel. Mit demselben Verfahren gingen sie auch miteinander um: Hinter der Forderung „Lass ihn in seinem Zimmer essen“ steht die Erwartung „Mach es wie ich“, und darunter die Fragen: Liebst du mich? Hörst du mir zu? Ihr erster Versuch, all das in einem Gespräch mit ihm zu klären, ging nach hinten los. Er machte dicht. Besser funktionierte ein ruhiger Satz ohne Druck, gefolgt von Bedenkzeit bis zum nächsten Abend und dem anschließenden Wiederholen des Gehörten. Als Bild blieb das Sofa: Jeder hat seinen Platz, beide sehen auf dieselbe Sache.

Das Ergebnis sind kleine, ehrliche Lösungen. Die Kinder essen früher und für sich, danach wird gerangelt und gespielt, die Erwachsenen essen später. Eine Weile gab es Papierteller und eine Putzhilfe. Brian beobachtete einige Monate lang still und schloss sich an, als die Ergebnisse eindeutig waren.

Eckige Pflöcke

Das letzte Kapitel beginnt mit einem Bild: Die Autorin hat drei eckige Kinder in eine runde Welt hineingeboren, und sie selbst ist ein eckiger Pflock, der jahrzehntelang versucht hat, rund zu wirken. Das gab sie an ihre Söhne weiter. Der Älteste passte sich so sehr an, dass er zwanzig Minuten vor Schulbeginn im Auto wartete, um als Erster hineingehen zu können. Der zweite kämpfte gegen jede Regel. Als alles zusammenbrach, schlug eine Freundin eine andere Erzählung vor: Was, wenn sie nicht zusammenbricht, sondern ausbricht?

Gelöst ist danach nicht alles. Michael tobt weiter täglich, Owen hat Panikattacken, und die Autorin bewegt sich weiterhin in einem „Dazwischen“ aus Zuhören, Mitregulieren und Dasein. Aber das Vertrauen wächst. An einem Nachmittag stampft Michael den Flur entlang und schlägt gegen jede Tür. Dann bleibt er stehen, läuft zurück und kriecht mit einer Decke über dem Kopf auf ihren Schoß. Sie flüstert, dass er sein Bestes gibt, immer. Aus der Decke kommt eine kleine Stimme: „Ich liebe dich, Mama.“ Und wenn Hundebesitzer auf der Straße fragen, wo seine Schuhe sind, winkt sie freundlich und ruft: „Er ist okay, so wie er ist.“

Fazit

Das Buch ist allen zu empfehlen, die ein Kind begleiten, für das der Alltag Kampf bedeutet, und die selbst nicht mehr können. Es nimmt den Eltern Schuldgefühle, zeigt Schritt für Schritt, wie ein Alltag mit weniger Druck entsteht, und erzählt so persönlich davon, dass man mitfühlt. Dass es dafür keinen Mittelweg gibt, passt zum Ernst eines autistischen Burnouts. Die Situation der Autorin ist außergewöhnlich, ihre Werkzeuge lassen sich auf viele Familien übertragen. Wer mit einem Kind zu kämpfen hat, liest hier, dass dieser Weg auch mit drei Söhnen gelingen kann. Das macht Mut.