Was hilft bei Wutanfällen und Streit?

„Ich bin für dich da, wenn du mich brauchst“

Mark Leonard – Mein einzigartiges Pandakind Prolog

Im Wohnzimmer bricht ein Wutanfall los. Der Vater, der davon erzählt, ist der Autor, Mark Leonard, der Sohn heißt Leon. Leon ist nach den Worten des Autors eine Mischfigur, in der Züge seines Sohnes und anderer Kinder aus seiner Beratung zusammenkommen. Die Episoden haben demnach genau so stattgefunden, aber nicht unbedingt bei ihm zu Hause.

Hinter dem Vater schlägt ein Spielzeugauto in die Wand, er spürt den Luftzug an der Wange. Papierfetzen regnen herab, Marmeladenbrote fliegen, ein Tritt trifft das Schienbein. Der Vater bringt außer Reichweite, was kostbar oder gefährlich ist: Handy, Tablet, Tasse, Wasserglas, Laptop. Dann setzt er sich mit Abstand auf den Boden, gut sichtbar, und sieht zu. Von draußen wäre kaum zu verstehen, warum ein Vater dabei in der Ecke sitzt. Er geht in Gedanken die Liste für morgen durch: Teppich reinigen, Wand ausbessern, neuer Malblock, neue Stifte.

Nach und nach werden die Würfe kürzer und kraftloser. Als nichts mehr zum Zerreißen übrig ist, sagt der Vater leise: „Ich bin für dich da, wenn du mich brauchst.“ Ein Angebot, mehr nicht. Leon sieht auf, geht ein paar Schritte, rennt los und wirft sich in seine Arme. Beide weinen. Nach zwei oder vielleicht zwanzig Minuten möchte Leon Tablet schauen. Der Vater trägt ihn zum Sofa, erwähnt nebenbei die Unordnung, die er nachher aufräumen müsse, und legt ungefragt ein Stück von Leons Lieblingsschokolade auf den Tisch. Nach wenigen Sekunden ist sie weg.

„Eisenbahn spielen“

Mark Leonard – Mein einzigartiges Pandakind Kapitel 2

Mitten in der Nacht zeigt das Fieberthermometer 41,1 Grad. Eben noch hat Leon geschrien und sich hin und her geworfen, jetzt hängt er verschwitzt und ruhig in den Armen seiner Mutter, als hätte er aufgegeben. Ruf den Notarzt, sagt die Mutter. Der Vater versucht, auf dem Tastentelefon die Nummer zu wählen. Handyempfang gibt es in der Altbauwohnung nicht, und für einen Moment weiß er nicht, welche Nummer gilt. Seine Frau holt ihn zurück: 112.

22 Minuten dauert es, bis das Martinshorn zu hören ist. Der Vater schaut abwechselnd auf die Uhr, läuft hin und her, streicht dem Sohn über den Kopf. Dann schlägt Leon die Augen auf, sieht ihn wach und klar an und sagt: „Eisenbahn spielen.“ Er löst sich von seiner Mutter, stolpert zu seiner aufgebauten Holzeisenbahn und beginnt zu spielen. Das Stirnthermometer zeigt 38,8 Grad. Ein Fieberzäpfchen hatten die Eltern vorher schon gegeben, unter großem Widerstand.

Als das Martinshorn vor der Tür verstummt, taucht Flutlicht die Wohnung in helles Licht. Auf dem Protokoll der Rettungssanitäter stehen 38,6 Grad. Zehn Minuten später gehen sie wieder, nachdem Leon ihnen erklärt hat, wie man Holzeisenbahn spielt. Die Eltern beteuern, das Thermometer habe eine halbe Stunde zuvor über 41 Grad gezeigt, aber der Blick der Sanitäter sagt, sie halten die beiden für Helikopter-Eltern. Der Vater kann es ihnen nicht verdenken, er glaubt es ja selbst kaum. Der Auslöser war ein Backenzahn.

„Das war erst der Anfang“

Mark Leonard – Mein einzigartiges Pandakind Kapitel 2

Mitten in der Nacht reißt ein schriller Schrei die Eltern aus dem Schlaf. Ein Blick genügt: Es ist wieder soweit. Wenn Leon krank wird, melden sich zuerst die Ohren, das ist seine Schwachstelle. Die Handgriffe sitzen ohne Worte. Die Mutter tröstet, der Vater holt den Schmerzsaft, die Spritze kommt in den Mund. Dann folgen die schlimmsten 15 bis 20 Minuten, bis das Mittel wirkt, und sie können nur abwarten und da sein. Jede Berührung wäre jetzt zu viel.

Leon schreit, windet sich, schlägt und tritt. Jeder Schrei fährt in die schmerzenden Ohren und lässt ihn noch lauter kreischen. Augen und Nase laufen, er reißt dem Vater das Taschentuch aus der Hand und schafft es doch nicht, sich zu wischen, weil alles feucht ist und klebt. Mit der verstopften Nase bekommt er kaum Luft, verschluckt sich, hustet, und der Papierkorb, den der Vater vorsorglich heranzieht, fliegt wenig später in die Zimmerecke.

Dann wird das Weinen zu einem Wimmern. Leon sieht den Vater an und bittet ihn: Es tut so weh. Der Vater spürt die Panik in diesen Augen und kann nichts tun. Schließlich werden die Bewegungen langsamer, die Atmung beruhigt sich, Leon blinzelt immer öfter und schläft schweißgebadet und erschöpft ein. Die Eltern sind zu aufgekratzt zum Schlafen. Sie gehen den Kalender der nächsten Tage durch, streichen alles Verzichtbare und verschieben den Rest so, dass immer einer von ihnen ganz verfügbar ist. Das war erst der Anfang.

„Das ist seine Wahrheit“

Mark Leonard – Mein einzigartiges Pandakind Kapitel 8

Beim Abendessen wollen die Eltern sich unterhalten. Leon isst meist nicht mit ihnen, er läuft um den Tisch, fragt etwas, zeigt etwas und schiebt sich auf einen Schoß. Er braucht die ungeteilte Aufmerksamkeit, möchte ist da das falsche Wort. Reicht das nicht, kommen Geplärre und Dazwischenreden. Meistens geben die Eltern dann nach und hören auf zu sprechen. Diesmal geht es um etwas, das nicht warten kann, und der Vater hat keine Lust mehr, sich ständig fremdbestimmen zu lassen. Er spricht weiter.

Leon rutscht mit einem lauten „Waah“ von seinem Schoß und taumelt mit rudernden Armen durchs Esszimmer und reißt Stühle um. Dann stürmt er ins Wohnzimmer, auf die Bauklötze zu, die er seit drei Tagen mitten im Laufweg aufbaut und die niemand berühren darf. Er zerstört jeden einzelnen, fällt hin, schlägt mit dem Kopf auf den Boden und weint bitterlich.

Trösten darf ihn jetzt nur die Mutter, denn der Vater ist schuld. Er habe nicht aufgehört zu sprechen, Leon bis ins Wohnzimmer geschubst, sodass er sich den Kopf gestoßen hat, und das Bauwerk zerstört, das er heute Abend wieder aufbauen soll, und zwar ohne dass ein Klotz anders steht als vorher. Das Problem sei, schreibt der Autor, dass Leon das wirklich glaubt. Das ist seine Wahrheit.

„Eimer!“

Mark Leonard – Mein einzigartiges Pandakind Kapitel 8

Im ersten Sommer in den Niederlanden, den die Familie campend im fast leeren Haus verbringt, schaut Leon unzählige Male an einem Tag sein Lieblingsvideo. Mitten im Lied kommt eine Werbepause. Genervt klickt der Vater sie weg und duckt sich unter einem Kissen. „Eimer!“, schreit Leon, immer wieder, und schlägt und tritt um sich. Die Eltern rätseln, was er meint, bis dem Vater einfällt: In der Werbung war etwas, das aussah wie ein Eimer, eine schwarze Kühlbox. Leon will den Spot noch einmal sehen.

Der Vater klickt durch Videos, lässt sie ein paar Sekunden laufen, um möglichst viel Werbung zu bekommen, kennt bald alle Spots auswendig, aber dieser ist nicht dabei. Mit dem Versprechen, morgen weiterzusuchen, bringt er Leon ins Bett. Am nächsten Morgen gibt es nur ein Thema: den Eimer. Der Vater sucht schon beim Frühstück weiter, vergeblich, und Leon ist untröstlich. Am Meer ist die Sache für ein paar Stunden vergessen.

Am Abend recherchiert der Vater am Laptop, sucht nach Kühlboxen, bis er einen Schriftzug wiedererkennt: Yeti. Auf YouTube findet er einen Werbespot, der dem gesuchten fast gleicht, nur mit Kühlboxen in allen Farben statt einer schwarzen. Am Morgen zeigt er ihn Leon, der überglücklich ist und ihn in Dauerschleife schaut. Irgendwann schaltet er freiwillig aus. „Als wäre etwas gerade gerückt worden, was vorher völlig schief war“, schreibt der Vater.

Wassereis und Black Angus

Mark Leonard – Mein einzigartiges Pandakind Kapitel 5

Der Vater des elfjährigen Felix erzählt dem Autor von einem Meltdown im Supermarkt, einem Wutanfall, bei dem sein Sohn die Kontrolle verliert. Der Auslöser: Der Vater will nicht das teuerste Eis aus der Truhe kaufen, ein Wassereis tut es seiner Meinung nach auch. Als Felix sich beruhigt hat und der Vater sich in Grund und Boden geschämt hat, erklärt er ihm in Ruhe, ein Eis bekomme er gern, aber nicht für über 5 Euro, das sei nicht verhältnismäßig.

Felix willigt ein, aber nur unter einer Bedingung: Das Black-Angus-Steak für 50 Euro, das sich der Vater am Wochenende regelmäßig gönnt, muss wieder aus dem Einkaufswagen. Das findet Felix auch nicht verhältnismäßig. Da versteht der Vater, worum es bei dem Wutanfall eigentlich ging. Das Eis war es nicht, es ging um das Ungleichgewicht zwischen einem Vater, der sich etwas gönnt, und einem Sohn, der zurückstecken soll.

Die beiden verlassen den Supermarkt mit Wassereis und ohne Steak. Und der Vater überdenkt seinen Steak-Konsum insgesamt. Das teure Stück gibt es seither nur noch hin und wieder, an Tagen, an denen auch Felix sich etwas Besonderes aussuchen darf.

„Ich muss sofort fünf Dinge essen“

Mark Leonard – Mein einzigartiges Pandakind Kapitel 8

Der Vater der vierjährigen Sophie erzählt dem Autor von einem Sonntag. Die Familie ist mit der Oma spazieren gewesen, zurück am Haus schließt er auf und setzt als Erster den Fuß über die Schwelle. Sophie fällt zu Boden, als hätte jemand sie mit voller Kraft geschubst, stößt sich Kopf und Knie und schreit. Sie krümmt sich wie ein Fisch und schreit sich so in Rage, dass sie fast keine Luft mehr bekommt. Der Vater darf sich nicht nähern, die Mutter schon.

Als Sophie sich etwas beruhigt, drängt sich die Oma dazwischen, um der jüngeren Generation zu zeigen, wie das geht. Sophie legt noch einmal zu, und die Oma zieht sich ins Obergeschoss zurück. Nach einer Dreiviertelstunde schluchzt Sophie nur noch leise, doch es ist offensichtlich, dass das Problem nicht gelöst ist. Die Eltern tasten sich an die Ursache heran: War der Weg zu lang? War es der Kommentar der Oma zur fehlenden Mütze? Jedes Mal schüttelt Sophie leicht den Kopf.

Dann hat der Vater einen Einfall: „Ich glaube, du wolltest die Erste im Haus sein.“ Sophies Kopf fährt herum. Er schlägt vor, einfach noch einmal gemeinsam nach Hause zu kommen. Sie nickt heftig. Alle ziehen sich an, auch die Oma, und steigen ins Auto. Der Vater startet den Motor, schaltet ihn gleich wieder aus und ruft, sie seien da, alle sollten aussteigen. Sophie stürzt als Erste heraus, stößt die Haustür auf, kickt die Stiefel in die Ecke, wirft sich mit dem Tablet aufs Sofa und ruft: „Ich muss sofort fünf Dinge essen.“ Der Vater serviert ihr im Mantel den ersten Gang.

„Ich lasse nicht zu, dass du damit wirfst“

Dr. Becky Kennedy – Good Inside Kapitel 3

Eine Mutter erzählt Kennedy von einem Nachmittag. Sie kommt ins Spielzimmer und sieht Raina und Kai friedlich mit Lastwagen, Klötzen und kleinen Figuren spielen. Bald streiten die beiden darüber, was wohin gehört, und Raina wirft eine Figur nach Kai, dann die nächste. Die Mutter ruft, Raina solle sofort aufhören. Raina greift die nächste Figur und wirft weiter. Am Ende ist alles ein Chaos.

Kennedy sieht keinen Fehler bei der Mutter oder den Kindern. Es wurde nur keine Grenze gesetzt. Eine Grenze ist keine Aufforderung an das Kind, sondern sagt, was die Eltern tun. Die Mutter hätte sich zwischen die Kinder stellen können, die Figuren aus Rainas Reichweite nehmen und sagen: „Ich lasse nicht zu, dass du damit wirfst.“ Oder sie hätte Raina hochnehmen und mit ihr in ein anderes Zimmer gehen können, damit die liebevoll aufgebaute Szene heil bleibt. Der Ruf „Hör sofort auf!“ liegt den meisten Eltern nahe. Er verlangt vom Kind aber, etwas zu stoppen, was es in diesem Moment nicht stoppen kann.

Zwei Kinder, ein Haufen Klötze

Dr. Becky Kennedy – Good Inside Kapitel 15

Hari (6) und Annika (4) spielen mit Bauklötzen, während ihr Vater Ray das Mittagessen macht. Er hört einen Schrei, dann Weinen, dann ein Durcheinander von Geräuschen. Im Spielzimmer sitzt Hari auf allen Klötzen, Annika bekommt keinen. Sie rennt zu ihrem Vater: Hari habe sie geschubst, sie sei hingefallen. Hari schreit dagegen: Das stimme nicht, sie habe ihm die Klötze weggenommen, sie bringe ihn immer in Schwierigkeiten.

Ray erinnert sich an den Rat, langsamer zu werden und nicht zu lösen. Er legt die Hand aufs Herz und atmet hörbar durch. Das ist so anders als das, was die Kinder von einem Elternteil kennen, dass sie von selbst innehalten. Dann sagt er, er sehe zwei aufgebrachte Kinder, und er werde nicht entscheiden, wer recht hat oder was passiert ist. Annika habe auch mit den Klötzen spielen wollen, Hari einen Bauplan gehabt. Zwei Kinder, beide wollen Klötze, beide haben Ideen. Er wette, dass ihnen etwas einfällt. Dann wartet er.

Nach einer Weile sagt Hari: „Hier, nimm die.“ Annika wirkt zufrieden. Ray ist erschöpft, aber er weiß, dass seine Kinder gerade geübt haben, Probleme selbst zu lösen. Er nimmt sich vor, für jedes Kind ein bisschen Einzelzeit einzuplanen.

Eine zweite Ehefrau

Dr. Becky Kennedy – Good Inside Kapitel 15

Kennedy greift ein Bild von Adele Faber und Elaine Mazlish auf, den Autorinnen von „Geschwister ohne Rivalität“: Der Partner kommt nach Hause und verkündet, er bringe eine zweite Frau mit. Man selbst sei dann die große Frau, die neue die kleine, und gemeinsam werde man eine glückliche Familie. Alle Verwandten und Nachbarn fragen, ob man sich schon freut. Neun Monate später überschüttet jeder die Neue mit Geschenken und Umarmungen, und man soll sie lieben und mit ihr bestens auskommen.

Eines Tages nimmt man ihr etwas aus der Hand, das früher einem selbst gehörte, und alle schimpfen: So etwas tue man nicht, sie sei doch klein, hilflos und unschuldig. Kennedy meint, an diesem Punkt wäre man vor allem verwirrt und voller Wut darüber, dass niemand sieht, wie es einem geht. So fühlt sich Geschwisterwerden für ein älteres Kind an.

Wenn das Wort „Entschuldigung“ nicht kommt

Dr. Becky Kennedy – Good Inside Kapitel 8

Eltern berichten Kennedy: Die Tochter hat das Lieblingskuscheltier ihrer Schwester versteckt. Die Schwester weint und weint, die Tochter gibt nichts zu und sagt nicht „Entschuldigung“. Die Eltern fragen, ob sie überhaupt kein Mitgefühl habe.

Kennedy sieht ein Kind, das erstarrt. Um sich zu entschuldigen, müsste es sich als Person sehen, die etwas Schlimmes getan hat. Die Angst, so nicht mehr geliebt zu werden, ist zu groß, also friert es ein. Wenn die Eltern jetzt fordern, es sei doch nur ein einfaches Wort, und fragen, wie es seiner Schwester so egal sein könne, rutscht das Mädchen noch tiefer in die Rolle des schlechten Kindes.

Kennedys Alternative: Ein Elternteil sagt, das Wort „Entschuldigung“ sei manchmal schwer zu finden, das kenne er selbst, und er sage es so lange für die Tochter, bis sie es wiederfindet. Dann geht er zur Schwester und sagt, es tue ihm leid, dass er ihr Kuscheltier genommen hat, er wisse, wie schlimm das war, und ob er etwas tun könne, damit es besser wird. Danach folgen kein strenger Blick, kein Vortrag, kein „Siehst du, war doch leicht“. Der Elternteil vertraut darauf, dass es angekommen ist, und geht weiter. Später am Tag, wenn die Tochter wieder spielt, kann er sagen, dass Entschuldigen auch für Erwachsene schwer ist, oder es mit Stofftieren nachspielen.

„Wir lösen heute nichts davon“

Dr. Becky Kennedy – Good Inside Kapitel 11

Zwei Eltern eröffnen eine Beratung bei Kennedy mit einer Bitte: Im Haus herrsche Chaos, es werde viel geschrien, leere Drohungen gehören zum Alltag. Der siebenjährige Heston sagt plötzlich, er sei dumm und habe keine Freunde, und knallt die Tür zu, wenn die Eltern nachfragen. Die vierjährige Izzy weint jeden Morgen hysterisch, wenn sie in der Kita abgegeben wird. Kennedy atmet durch und sagt, sie freue sich, dass die beiden da sind, und werde das alles lösen, jeden einzelnen Punkt. Die Eltern lachen. Sie lächelt auch und beginnt noch einmal: Das stimme nicht, heute werde nichts davon gelöst.

Verhalten lasse sich erst ändern, wenn Verbindung da ist. Das eigentliche Problem seien weder Trotz noch Türenknallen noch Tränen am Morgen, sondern dass das Familiensystem aus dem Gleichgewicht geraten ist und sich niemand mehr sicher fühlt. Die Eltern atmen hörbar auf. Dass jemand das Problem benennt, das sie selbst spüren, und selbstbewusst einen Weg zeigt, ist schon eine Erleichterung. Sie beginnen mit Verbindung und nicht mit Geschrei und Drohungen.

„Ich bin erst bis zu den Knien voll“

Dr. Becky Kennedy – Good Inside Kapitel 11

Als Kennedys jüngstes Kind geboren wird, tut sich ihr ältester Sohn schwer mit der neuen Lage. Er ist trotzig, unhöflich und schnell wütend, genau so, dass sie lieber weniger Zeit mit ihm verbringen würde. Dann begreift sie, was dahintersteckt: Fragen wie, ob er noch bemerkt wird und ob er genug von Mama und Papa bekommt. Die Familie ist auf fünf Personen gewachsen, sein Gefühlskonto ist fast leer, und sein Verhalten stößt sie genau in dem Moment weg, in dem er mehr von ihr braucht.

Sie erfindet das Auffüllspiel. Wenn er schwierig ist, atmet sie durch und sagt langsam und warm, sie glaube, er sei gerade nicht voll mit Mama. Er antwortet dann etwa, er sei erst bis hier voll, und zeigt auf seine Beine. Sie drückt ihn fest, immer wieder, bis der Mama-Pegel ganz oben am Kopf angekommen ist, und gibt ihm einen letzten Drücker als Vorrat für die nächste Zeit. Besser wird sein Verhalten nicht sofort. Aber das Spiel ist ein Wendepunkt, weil es greifbar macht, was er braucht: mehr von seiner Mutter.

„Ich hasse diese Familie“

Dr. Becky Kennedy – Good Inside Kapitel 16

Die achtjährige Farrah fragt ihre Mutter Heather, ob sie am Samstagabend zu einer Freundin darf. Heather sagt, dass sie dann bei Oma sind, das gehe also nicht. Farrah murmelt, sie hasse diese Familie. Heather fragt nach, und Farrah brüllt, sie hasse sie, sie sei die schlechteste Mutter der ganzen Welt. Der erste Impuls wäre, sie auf ihr Zimmer zu schicken.

Heather denkt stattdessen: Das ist keine Respektlosigkeit, sondern Überforderung. Sie sagt, sie verstehe, dass es ärgerlich ist, nicht zur Freundin zu dürfen. Das überrascht Farrah, aber sie wütet weiter: Heather verstehe nichts und werde nie etwas verstehen. Heather atmet tief durch, schaut zu Boden und nickt langsam. Sie sagt nur: „Ich bin hier.“

Später am Abend, als beide sich beruhigt haben, setzt sich Heather auf Farrahs Bett. Sie erzählt, wie sehr sie es früher gehasst hat, Spaß mit Freunden zu verpassen. Dann fragt sie, ob sie schon einmal erzählt habe, wie sie die Sweet-16-Feier ihrer Freundin verpasste, weil sie das Fußballturnier ihres Bruders ansehen musste. Es war furchtbar, sie war so wütend. Zum Schluss sagt sie Farrah, sie sei ein gutes Kind, das vorhin eine schwere Zeit hatte. Nichts, was sie sage oder tue, ändere etwas daran, wie sehr Heather sie liebt.

„Ich hasse dich, und ich meine es auch so“

Dr. Becky Kennedy – Good Inside Kapitel 29

Die sechsjährige Maura spielt neben ihrer vierjährigen Schwester Isla. Sie kitzelt ihr die Zehen, dann wird es ein Kneifen und leichtes Schubsen. Ihre Mutter Angie tritt dazwischen und sagt, sie lasse nicht zu, dass Maura schlägt. Wütend sein dürfe sie. Das reicht, damit Maura losschreit, sie solle aufhören, sich wegscheren. Angie reagiert gereizt und fragt, warum Maura bei allem ausrastet. Maura tritt nach ihrer Mutter und ruft, sie hasse sie, und zwar ernsthaft.

Angie erinnert sich: erst eindämmen. Sie sagt Maura, sie trage sie jetzt in ihr Zimmer, sie sei nicht in Schwierigkeiten, Angie bleibe bei ihr. Sie sei ein gutes Kind, dem es gerade schwerfällt, und sie liebe sie. Maura schreit Nein. Im Zimmer schließt Angie die Tür, setzt sich und beruhigt zuerst ihren eigenen Körper, statt Mauras ändern zu wollen. Sie geht kurz zu Isla, erklärt ihr, dass Maura eine schwere Zeit hat, und kehrt zurück, um den Sturm abzuwarten. Dabei wiederholt sie für sich, dass an ihr nichts falsch ist und an ihrem Kind auch nicht.

Am Abend, als alles ruhig ist, spielt Angie mit Maura das Daumenspiel: Maura liegt da, ohne Blickkontakt, und zeigt zu Aussagen der Mutter Daumen hoch, Daumen runter oder zur Seite für „ein bisschen“. Angie ist erstaunt, dass Maura mitmacht. Dabei erfährt sie, dass ein älteres Kind Maura an diesem Tag auf dem Spielplatz geschubst hat. Das macht es nicht in Ordnung, dass Maura ihre Schwester bedrängt hat, aber Angie versteht besser, was passiert ist.

„Ich hab dich lieb, Mama“

Amanda Diekman – Low-Demand Parenting Kapitel 12

Ein Nachmittag, der nach dem Beginn eines Wutanfalls aussieht: Michael stampft den Flur entlang und schlägt jede Tür zu, an der er vorbeikommt. Dann bleibt er stehen, dreht um, rennt zurück und versteckt sich unter einer Decke direkt neben seiner Mutter. Stück für Stück rutscht er auf ihren Schoß, die Decke noch über dem Kopf, und wühlt sich an ihre Brust. Sie murmelt, dass er sein Bestes gibt, immer. Aus ihrer Armbeuge hört sie eine winzige Stimme: „Ich hab dich lieb, Mama.“