Der errechnete Geburtstermin verstreicht, und das Kind, das sich in der Schwangerschaft mit Tritten Platz verschafft hat, scheint es plötzlich nicht mehr eilig zu haben. Die Eltern hatten sich eine selbstbestimmte Geburt gewünscht und versuchen nachzuhelfen: scharfes Essen, Himbeerblättertee, Spaziergänge, Yoga, leichte Massagen, am Ende sogar Homöopathie.
Dann geht alles so schnell, dass die Hebamme den Wasserhahn der Geburtswanne nach wenigen Minuten wieder zudrehen muss, für die Wanne reicht die Zeit nicht mehr. Noch bevor der Kopf ganz zu sehen ist, hört der Vater einen gedämpften Protestschrei. Zuerst denkt er, im Nebenraum sei ein anderes Kind schon so weit. Doch das Schreien wird lauter, bis es ohrenbetäubend ist, und er versteht: „Hey, das sind ja wir.“
Dann kommt der erste Blick. So etwas habe sie noch nie gesehen, sagt die Hebamme, so wach, fast wie bei einem Erwachsenen. Statt ins Leere zu schauen, wie Neugeborene es sonst tun, sieht das Baby dem Vater direkt in die Augen, und ein gewisser Zweifel liegt darin. Der Vater liest daraus die Frage, ob dafür die warme, gemütliche Höhle aufgegeben wurde.
Das Vorwort stammt von Sarah C. Wayland und beginnt mit einer eigenen Erinnerung. Im Oktober 2006 ist ihr vierjähriger Sohn in der vierten Kinderbetreuung und soll sie bald verlassen. Niemand kommt mit ihm zurecht. Sie fürchtet das tägliche Abholen, denn jedes Mal folgt eine Liste von Beschwerden, und ihr bricht das Herz für den sensiblen Jungen, der nicht begreift, warum die anderen nicht einfach tun, was er sagt.
Jahre später stößt sie auf einen Text über PDA und erkennt ihren Sohn wieder: heftige Stimmungsschwankungen, Panikattacken, die enge Bindung allein an sie, der Widerstand gegen jede Sprachtherapie und die Fähigkeit, Fremde mit Monologen zu bezaubern. Mehrmals „kündigt“ er seinen Eltern wegen unzumutbarer Forderungen. Klare Regeln, Routinen und Konsequenz helfen nicht, oft werden sie nur ein weiterer Streitpunkt. Auch Sticker und Sterne bringen nichts, und sie gibt lange sich selbst die Schuld. Später erklärt der Sohn, diese Systeme hätten ihn gekränkt, weil seine Mutter darin behandelt wurde wie ein Hund.
Was wirkt, ist die Zusammenarbeit mit ihm. Und ein Moment, an den sie sich genau erinnert: Zum ersten Mal fühlt sie mit, ohne etwas beibringen oder lösen zu wollen. Der schlichte Satz „Das muss wirklich schwer gewesen sein“ wirkt wie Zauber. Er braucht das Wissen, dass die Eltern seinen Schmerz sehen. Lehrkräfte, die ihn erreichen, haben Humor, Geduld, Einfallsreichtum und vor allem Flexibilität.
Ein Bräutigam mit PDA hält auf der eigenen Hochzeit eine charmante Rede. Seine Mutter hat ihn gebeten, sich bei den Gästen zu bedanken. Das tut er auch, nur auf seine Weise: Erst lobt er die schöne Braut, dann erklärt er, eigentlich müssten die Gäste ihnen danken. Ohne seinen Heiratsantrag gäbe es die ganze Feier schließlich nicht.
Ein anderer Fall: Eine Person mit PDA freut sich riesig, bei der Hochzeit in der Familie Brautjungfer zu sein. Schwierig ist die Kleiderordnung. Die Lösung ist ein langes Kleid, das die Füße verdeckt, und darunter stecken die Lieblingshausschuhe statt der Absatzschuhe.
So beschreibt eine Mutter den Familienurlaub in einer Hütte im Wald, etwa eine Stunde von der Stadt entfernt. In der ersten Hälfte fahren ihr Mann und die Tochter hin und erleben allerlei in der Natur. Sie selbst bleibt mit dem Sohn zu Hause in der Wohnung, hört Musik und ruht sich aus.
Zur Halbzeit wird getauscht. Die Mutter fährt mit der Tochter in die Hütte, der Vater verbringt die Zeit mit dem Sohn in der Wohnung. Die beiden gehen sogar in Museen, für die sonst nie Zeit bleibt.
Eine Großmutter erzählt, wie sie ihre Tochter besucht. Dort sagt sie, alles werde gut, und Ben werde mit dem Älterwerden leichter. Zu Hause steht sie unter der Dusche und weint. Es bricht ihr das Herz, die Tochter so gestresst und besorgt zu sehen, und sie weiß nicht, wie sie helfen soll, außer zuversichtlich zu sein.
Sie merkt, dass die Tochter sich über ihre Bemerkungen ärgert, und glaubt oft, das Falsche zu sagen. Ein Grund kann sein, dass sie wenig über Diagnose, Therapien und hilfreiche Wege wissen. Ein Großvater sagt, er könnte besser helfen, wenn er zu einem Förderplan-Gespräch oder einer Therapiesitzung mitkommen und mehr über PDA verstehen dürfte.
Als Beispiele beschreiben die Autorinnen vier junge Erwachsene und die Menschen, die sie im Alltag stützen.
Maria, 22, lebt in einer eigenen Wohnung in Chicago. Ihr Nachbar Bill erinnert sie daran, wann die Mülltonne rausgestellt wird, und erledigt es notfalls für sie. Tante Rosa übt mit ihr, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Ihr Chef Glenn trifft sich mit ihr zu Beginn und am Ende jeder Schicht, um den Tag zu planen und Probleme zu besprechen. Die Eltern essen am Wochenende mit ihr und gehen einmal pro Woche mit ihr einkaufen.
David, 25, wohnt in einer Wohngemeinschaft mit Jim, den er in der Dungeons-and-Dragons-Gruppe kennengelernt hat. Einer putzt die Küche, der andere das Bad, und David darf wählen, was er diese Woche übernimmt. Gekocht wird getrennt, jeder hat einen eigenen kleinen Kühlschrank, Besuch wird vorher angekündigt. Sein Chef Ken plant mit ihm montags, welche Aufgaben der Woche am dringendsten sind.
Alan, 23, arbeitet Vollzeit und lebt bei seinen Eltern. Der Mechaniker Bruno, der Alans geliebten alten Truck repariert, hat ihm Grundlagen der Mechanik beigebracht und war mit ihm bei Monstertruck-Veranstaltungen. Alans Großmutter Carmen wohnt 20 Minuten entfernt. Seit ihr Mann gestorben ist, hilft Alan ihr bei Garten, Wäsche und Einkauf. Zu Hause macht er das nicht, deshalb lernt er diese Fähigkeiten hier.
Robin, 19, nicht binär, lebt bei den Eltern. Der Nachbar Andrew lädt Robin zum Sportschauen ein, damit die Mutter die jüngeren Geschwister in Park oder Kino mitnehmen kann, wenn Robin nicht mitwill. Dr. Delgado kennt Robin seit zehn Jahren, und Robin kann inzwischen in Arztterminen direkt mit Dr. Delgado über die eigene Gesundheit sprechen.
Kurz vor dem Geburtstag ihres Mannes bekommt die Autorin auf Instagram Werbung für ein Geschenk: Man kann sich die Messenger-Nachrichten eines Paars als Buch drucken lassen, mit einem romantischen Titelvorschlag dazu. Die Autorin muss lachen, denn ihre Nachrichten lesen sich derzeit ungefähr so: „Wo ist Rubble? Sofa.“ Und kurz darauf fragt der nächste, ob der Hund vielleicht noch im Auto liegt.
Rubble ist der Bauarbeiterhund aus der Kinderserie Paw Patrol. Eines ihrer Kinder liebt ihn heiß und innig, und so geht der Plüschhund mit dem gelben Helm überall mit: zum Spielplatz, zum Turnen und abends ins Bett. Während einer der Eltern im Schlafzimmer ein Kind zum Schlafen bringt, sucht der andere mithilfe der Tipps vom Handy nach dem Hund, damit auch das andere Kind schlafen gehen kann. Das ist ihr Abendritual.
Statt das Messenger-Buch zu bestellen, bastelt die Autorin selbst eines: mit ausgedruckten Handyfotos, lustigen Kinderzitaten und einem Brief. Darin steht, dass zwei Menschen, die zwei Jobs, eine Familie und den ganz normalen Wahnsinn stemmen, mindestens so beeindruckende Superkräfte haben müssen wie die Fellfreunde aus der Lieblingsserie des Sohnes. Das Buch heißt „Wo ist Rubble? Die Geschichte unserer Liebe“. Ihr Mann freut sich sehr.