In der Klasse der Autorin fällt der Satz: „Das ist unfair!“, weil ein Kind etwas Besonderes bekommt. Sie holt ein Kind nach vorn, gern eines mit schauspielerischem Talent. Es hat sich das Knie aufgeschürft, und die Klasse nennt Trost, frische Luft, Pflaster. Dann kommt ein zweites Kind, es hat Kopfschmerzen, und die Lehrerin klebt ihm ein Pflaster auf den Kopf. Empörung! Die Klasse nennt eine Tablette, Ruhe, etwas zu trinken. Beim dritten Kind, mit Bauchschmerzen, holt sie wieder das Pflaster hervor, wieder Protest: Hier helfen eine Wärmflasche und eine warme Suppe.
Die Kinder verstehen sofort: Fair heißt nicht, dass alle dasselbe bekommen, sondern dass jeder bekommt, was er braucht. Ein paar Dinge tun allen gut, zum Beispiel Zuwendung und Trost. Später überträgt eine Schülerin das Bild auf die Lehrerin: „Frau N. ist ja immer zu allen ganz nett. Außer wir lachen, wenn sich jemand verrechnet. Dann ist sie ernst. Aber dann ist sie eigentlich auch zu allen gleich ernst.“
Turbulenter als der Schulstart selbst sind für die Familie der Autorin die Wochen davor. Das Kind hängt dazwischen: Es spürt den Abschied vom Kindergarten, weiß, dass etwas Großes und Neues kommt, und steckt mitten in der Sechs-Jahres-Krise, die auch Wackelzahn-Pubertät heißt. Zähne, Seele, das Vertraute, alles beginnt zu wackeln. Schon das Verlieren der ersten Milchzähne kann bei sensiblen Kindern starke Angst auslösen. Dazu kommen heftige Gefühle, Konflikte und ein riesiges Nähebedürfnis.
Hilfreich ist Transparenz: den Ranzen gemeinsam kaufen und packen, in den künftigen Schulheften blättern, das Schulgebäude wenigstens von außen anschauen, erzählen, dass man die Klassenlehrerin kennengelernt hat und sie einen sehr lieben Eindruck macht. Als Lehrerin bekommt die Autorin neurodivergente Kinder oft mit einer Ansage aus dem Kindergarten übergeben: „Das war schon dort nicht einfach, ich will gar nicht wissen, wie das jetzt in der Schule wird.“ Auf der einen Seite die freie, leichtere Kindergartenzeit, auf der anderen die enge, straffe Schule. Doch sie erlebt immer wieder, dass die klare Struktur Kindern einen Fahrplan gibt. Manche mögen einen engen Rahmen, Vorgaben und viele Wegweiser, und die angekündigten Probleme tauchen gar nicht auf.
Ihr eigenes Kind antwortet nach den ersten Schulwochen auf die Frage, wie ihm Schule gefällt: „Voll gut, da gibt es einen Tagesplan. Der ist toll, da weiß ich, was kommt. Das ist, als könnte ich in die Zukunft gucken.“
Berufswünsche zeigen der Autorin oft, wo die Stärken ihrer Schülerinnen und Schüler liegen. Ein Kind hadert mit seinem langsamen Arbeitstempo, und daraus wird ein Gespräch darüber, dass Langsamkeit auch etwas Gutes sein kann. Das Kind denkt jede Aufgabe erst in viele Richtungen durch, bevor es den ersten Buchstaben schreibt, und achtet sehr auf Sorgfalt. In der Schule fehlt dafür oft die Zeit, und fair ist das nicht, sagt die Lehrerin. Aber anderswo sind genau diese Eigenschaften gefragt.
Am Ende des Gesprächs hat das Kind seine eigene Schlussfolgerung: „Ich möchte ja auch Erfinderin werden.“ Und dafür müsse man gut nachdenken können und genau sein.
In den ersten Berufsjahren hat die Autorin eine Schülerin mit ausgeprägter Legasthenie, die den Unterricht immer wieder gezielt lahmlegen kann. Es dauert, bis Vertrauen da ist und viele Gespräche geführt sind. Dann sagt die Schülerin offen, was dahintersteckt: „Ich will nicht, dass wir Aufgaben machen. Dann merken doch alle, dass ich nicht schreiben kann.“
Damit ist klar, woran gearbeitet werden muss: an der Angst, nicht am Verhalten. In einer Fortbildung zu Kindern mit viel Aggressionspotenzial hört die Autorin später, dass Beschämung einer der stärksten Antreiber für Konfliktverhalten ist.
Eine Mutter erzählt der Autorin, ihr Zweitklässler mit ADHS komme nur schwer an die Hausaufgaben. Sie lockt ihn nun damit, dass die beiden danach gemeinsam eine Folge seiner Lieblingsserie sehen. Gleichzeitig weiß sie, dass man das eigentlich nicht tun soll: Kinder müssten aus eigenem Antrieb lernen, ohne Belohnung.
Die Autorin erklärt, dass sich viele dabei auf den Sozialwissenschaftler Alfie Kohn berufen, der Erziehen durch Loben und Strafen kritisch hinterfragt. Dann fragt sie die Mutter, wer eigentlich dieser Mann ist, der behauptet, Kinder sollten alles aus eigenem Antrieb lernen, und ob er schon einmal in einer deutschen Grundschule war. Die junge Frau lacht. Sie weiß es nicht, wahrscheinlich nicht: „Man liest halt so viel im Internet.“
Die Autorin hat ihr Leben lang Teile von sich abgeschliffen, um dazuzugehören, und zeigt ihren Kindern unbewusst, wie das geht. Ihr ältester Sohn Owen folgt ihr eifrig. Wie sie wird er von Regeln besessen: Wer sich immer an sie hält, ist sicher. Und er übertreibt. Als er beschließt, pünktlich zur Grundschule zu kommen, sitzt die Familie zwanzig Minuten auf dem Parkplatz, bevor die Türen aufgehen, damit er als Allererster hineinkommt.
Dabei schreit er, stampft mit den Füßen und zittert vor Angst. So sehr drängt es ihn, dass er schon für das Frühsein zu früh sein will.
Ein Teenager mit PDA braucht lange und keine einfache Zeit, um an einer neuen Schule anzukommen. Dann sagt Zach zu den Erwachsenen dort: „Ich weiß, dass ich euch manchmal das Leben schwer mache, aber das ist die erste Schule, in der die Lehrer mich wirklich mögen.“ Zuvor hatte Zach nie das Gefühl, dass Lehrkräfte gern Zeit mit Zach verbringen.
Die Autorinnen nennen das traurig mit Blick auf die frühere Schule und zugleich einen Wendepunkt.
Mit 14 beginnt sich Marty für Militärgeschichte zu interessieren. Das ergibt sich aus Gesprächen mit seinem Großvater, einem Veteranen. Marty fängt an, ein Filmarchiv aufzubauen, mit Interviews, nicht nur mit dem Großvater, sondern auch mit dessen Freunden.
Zur Schule geht er zu dieser Zeit nicht. Schon am Ende der Grundschule hat er wegen Angst und autistischem Burnout aufgehört. Zu Hause begleitet ihn der Hauslehrer Leo, der sein selbstbestimmtes Lernen in Geschichte und Film unterstützt. Leo ermutigt ihn und zeigt ihm die nächsten Schritte, sobald Marty dafür bereit ist.
Mit 17 hält Marty Vorträge im örtlichen Geschichtsverein, begleitet vom Großvater. In die Schule ist er nie zurückgekehrt. Er hat den Führerschein, kocht einige Gerichte für die Familie, arbeitet ehrenamtlich in der Bibliothek und denkt über einen Kurs am College nach.
Als Ethan 13 ist, sagt seine Mutter, sie könne es kaum erwarten, dass er erwachsen wird. Er werde ein weit besserer Erwachsener sein, als er ein Kind sein könne. Ihr Sohn leide darunter, dass die Stimmen von Kindern kleingeredet werden, während es niemand unvernünftig findet, wenn Erwachsene mehr Kontrolle über ihr Leben haben. Er habe Pläne, sei klug und wolle arbeiten. Heute ist Ethan Anfang zwanzig, arbeitet als Ingenieur, hat ein zufriedenes Sozialleben, überlegt, sein Studium fortzusetzen, und kauft gerade sein erstes Haus.
Julia ist gerade 40 geworden. Sie verließ die Schule ohne Abschluss, obwohl sie im Unterricht gute Noten hatte. Sie findet das etwas seltsam, aber es stört sie nicht: Sie weiß, dass sie klug ist, Zeugnisse bestimmen nicht, wer sie ist, und für ihr heutiges Leben braucht sie keine. Sie arbeitet als selbstständige Trainerin für die PDA Society, engagiert sich in gemeinnützigen Organisationen und lebt seit fast 20 Jahren mit ihrem Partner.
In einer Besprechung zum Förderplan hört eine unabhängige Fachperson mit an, wie ein Verantwortlicher der Schule einem Elternteil antwortet. Er habe Verständnis für den Wunsch, aber hier werde eine Ausbildung der Luxusklasse verlangt, einen Cadillac, und er müsse nur einen Chevy liefern.
Dahinter steht die Rechtslage: Schulen müssen nicht die beste, sondern nur eine angemessene Bildung anbieten. Für Familien, so die Autorinnen, ist das wenig beruhigend.