Was sagen Erwachsene über ihre Kindheit?

Zuhören, um zu verstehen

Nora Imlau – Bindung ohne Burnout Kapitel „Ein Mutmacher“

Für ihr Buch spricht die Autorin mit jungen Menschen, die liebevoll aufgewachsen sind. Samantha, 24, erzählt: Bei einem Date, bei dem der Mann eine Frage stellt, die Antwort aber gar nicht hören will oder nur als Anlass für seinen nächsten Monolog nimmt, ist Samantha weg.

Zu Hause hat Samantha gelernt, was Zuhören heißt. Wenn etwas schiefgelaufen war, gab es weder Vorwürfe noch Strafen. Die Eltern fragten, was los war, ob Samantha wisse, warum sie es getan hatte und welches Bedürfnis dahinterstecke. Dann wurde darüber geredet. Genau das erwartet Samantha heute in Freundschaften und Beziehungen: „Nicht um zu antworten, sondern um zu verstehen.“

Eltern, die sich entschuldigen

Nora Imlau – Bindung ohne Burnout Kapitel „Ein Mutmacher“

Vincent, 19, sagt, die Eltern hätten sich viel Mühe gegeben, liebevoll zu erziehen. Beide haben als Kinder viel Gewalt erlebt. Vincent und die Schwester fühlten sich zu Hause so sicher, dass sie manchmal frech und gemein waren, weil sie dachten, die Eltern halten das aus. Dann konnte die Stimmung kippen, und die Mutter brüllte. Einmal nahm der Vater das Handy weg und gab es erst abends zurück. Das verwirrte, denn so etwas gab es bei ihnen sonst nicht.

Später redeten alle darüber. Die Eltern entschuldigten sich, sagten, ihr Verhalten sei nicht in Ordnung gewesen, sie seien verletzt und überfordert gewesen und in das Programm ihrer eigenen Kindheit gerutscht, in der Kinder, die nicht hörten, eben fühlen mussten. Die Mutter erklärte, es koste sie manchmal so viel Kraft, nicht zu schlagen, dass sie wenigstens schreien können müsse, weil sie die Wut sonst nicht aushalte. Vincent fand das krass, und die Mutter tat plötzlich leid.

Vincent macht den Eltern keine Vorwürfe. Sie haben getan, was sie konnten, und das war viel. Die Beziehung ist heute gut. Wenn Vincent später selbst Kinder hat, wird es leichter sein, einfach nett zu ihnen zu sein, als es für die Eltern war.

Neuntausend Kilometer vom Rockzipfel

Nora Imlau – Bindung ohne Burnout Kapitel „Ein Mutmacher“

Simon, 22, war als Kind unglaublich anhänglich. Es machte Angst, wenn die Mutter das Zimmer verließ, und Simon lief hinterher. Den Kinderwagen mochte Simon als Baby nicht, die Eltern trugen ihn fast nur, erst im Tuch vor der Brust, dann auf dem Rücken. Im Kindergarten blieb Simon nur kurz, weil die Mama so fehlte. Bis ungefähr zur sechsten Klasse schlief Simon im Bett der Eltern, die abends vorlasen, bis Simon einschlief. Zusammen arbeiteten sie eine ganze Bibliothek durch.

Irgendwann wollte Simon im eigenen Zimmer schlafen, auf Klassenfahrt fahren und bei Freunden übernachten. Den Eltern war vorhergesagt worden, sie würden ein Muttersöhnchen großziehen, das nie auszieht. Heute studiert Simon in Kalifornien, knapp 9000 Kilometer entfernt, sieht die Eltern ein- bis zweimal im Jahr und telefoniert per Video mit ihnen. Simon hat dort inzwischen Freunde. Es klinge kitschig, sagt Simon, aber als kleines Kind habe Simon „so viel Liebe getankt“, dass sie fürs ganze Leben reiche.

Mein Herzenskind

Nora Imlau – Bindung ohne Burnout Kapitel „Ein Mutmacher“

Jacquelines Mutter zieht Jacqueline allein groß und arbeitet viel. Jacqueline, heute 21, ist in der Schulzeit meist die Letzte, die aus dem Hort abgeholt wird. Wenn die Mutter ankommt, sieht sie müde aus, lächelt aber immer und sagt: „Ich freue mich so, dich zu sehen, mein Herzenskind.“ An dieses Gefühl denkt Jacqueline heute noch gern. Auf dem Heimweg erzählt Jacqueline, was am Tag passiert ist. Die Mutter findet alles spannend oder tut zumindest so. Nie hat Jacqueline das Gefühl, zu viel zu sein.

Zu Hause darf Jacqueline fernsehen, während die Mutter kocht. Gegessen wird auf der Couch, bei der Lieblingsserie. Heute heißt es, man solle nicht vor dem Fernseher essen, aber Jacqueline fand es urgemütlich. Meist gehen beide zusammen ins Bett, weil beide so müde sind. Jacqueline schläft mal dort und mal im eigenen Zimmer, wie es gerade passt. Später erzählt die Mutter, dass sie manchmal ein bisschen traurig war, wenn Jacqueline nicht bei ihr schlief. Das hatte Jacqueline damals nicht gemerkt. Heute lebt Jacqueline in einer anderen Stadt, die beiden telefonieren mindestens einmal in der Woche und besuchen sich.

Hausarrest, Fernsehverbot, stille Treppe

Nora Imlau – Bindung ohne Burnout Kapitel „Ein Mutmacher“

Robin, 25, hält die eigene Kindheit für ganz normal, mit normalen Eltern in einer normalen Familie. Dann sitzen Robin und Freunde einmal zusammen und reden darüber, welche Strafen es in ihrer Kindheit gab. Reihenweise erzählen die anderen von Hausarrest und Fernsehverbot, von gekürztem Taschengeld und ausgeladenen Freunden. Manche wurden geschlagen oder mussten zur Strafe auf einer stillen Treppe sitzen. Robin kann es kaum glauben.

Seitdem weiß Robin, dass die eigene Kindheit gar nicht so normal war, sondern ziemlich cool. So eine Kindheit sollte aber nichts Besonderes sein, sondern das Normalste der Welt.

Eine Woche hier, eine Woche dort

Nora Imlau – Bindung ohne Burnout Kapitel „Ein Mutmacher“

Annikas Eltern streiten viel und trennen sich, als Annika in der ersten Klasse ist. Von da an lebt Annika abwechselnd eine Woche bei der Mama und eine beim Papa. Beide gehen ganz verschieden mit Annika um. Der Vater ist streng und fordernd und macht sich lustig, wenn Annika abends Angst hat, allein einzuschlafen. Die Mama versteht das gut und legt sich daneben, bis Annika schläft.

Annika, heute 23, liebt beide, aber die Beziehungen sind sehr unterschiedlich. Mit dem Vater redet Annika über Oberflächliches: Wie läuft die Ausbildung, wie geht es dem Hund? Bei der Mama fühlt sich Annika sicher, auch über das Innere zu sprechen. Als Annika sich einmal mit dem Freund gestritten hat, ist Annika abends zur Mama gefahren, und die Mama hat getröstet. Zum Vater würde Annika das nie tun.

Die Tür war immer angelehnt

Nora Imlau – Bindung ohne Burnout Kapitel „Ein Mutmacher“

Alicia, 29, wächst mit zwei Geschwistern in einer Familie mit klassischer Rollenverteilung auf. Besondere Ausflüge gibt es kaum, vielleicht einmal in drei Jahren in einen Freizeitpark, wohl wegen des knappen Geldes und weil die Eltern lieber zu Hause sind. Der Vater sitzt viel im Arbeitszimmer am Schreibtisch, die Mutter ist in der Küche oder näht. Die Kinder lesen, malen und spielen Playstation.

Alicia und die Geschwister wissen aber, dass sie jederzeit kommen können. Der Vater lässt die Tür zum Arbeitszimmer immer angelehnt. „Das ist meine Einladung an euch“, sagt er: Egal, was gerade anliegt, die Kinder sind wichtiger. Alicia geht ab und zu hinein und erzählt am Schreibtisch von Streit mit Freundinnen oder Stress in der Schule. Der Vater hört aufmerksam zu. Die Mutter ist oft mit sich beschäftigt, strahlt aber Liebe aus. Alicia setzt sich einfach zu ihr, malt oder liest, ohne zu reden, und das ist schön. Abends kommt die Mutter noch einmal ins Zimmer, deckt Alicia zu und gibt einen Gute-Nacht-Kuss, bis Alicia auszieht. Das macht Alicia heute genauso bei den eigenen Kindern.