Das Buch beginnt mit dem Warten auf ein Ergebnis. Draußen ist es Februar, grau und nass, drinnen sitzen die Autorin und ihr Mann im sterilen Flur des Sozialpädiatrischen Zentrums, einem Haus aus den Siebzigerjahren, in dem Kinder mit Entwicklungsfragen untersucht werden. Zwölf Monate Termine, Tests und Gespräche liegen hinter der Familie. Gleich soll die Psychologin ihre Einschätzung sagen. Die Autorin hat kaum geschlafen, sie zupft an einem Taschentuch, und ihre Uhr schlägt wegen des Pulses Alarm.
Im Kopf laufen die Fragen, die sie seit Jahren begleiten: Hat sie sich getäuscht? Musste das Kind das alles umsonst mitmachen? Und liegt es am Ende doch an den Eltern? Fair, schreibt sie, seien solche Gedanken nicht, aber weggegangen seien sie nie.
Dann bittet die Psychologin die beiden herein. Vom Bericht kommt bei der Autorin zuerst nur Bruchstückhaftes an, bis ein Satz hängen bleibt: Die Diagnose ist gesichert, und es sind sogar mehrere. Sie merkt, dass sie minutenlang kaum geatmet hat, und Tränen laufen lautlos über ihr Gesicht. Aus der Unsicherheit wird Wissen. Es gibt jetzt Begriffe für das, was das Kind erlebt, und bald wird es selbst Worte dafür haben.
Beim Hinausgehen bekommt die Familie Adressen und einen neuen Termin. Draußen auf dem weiten Parkplatz sagt sie sich: „Ich fühle mich leichter.“ Sortieren muss sie sich noch, aber zum ersten Mal weiß sie, in welche Richtung es geht. Später sitzt die Familie für ein weiteres Kind im selben Büro, mit ähnlichem Ausgang.
Mit diesem Satz meldet sich die Autorin nach der Geburt ihres Ältesten zu Wort: Das Licht solle ausgehen, das Kind finde es zu hell. Ärztin und Hebamme wechseln einen Blick und beruhigen sie, ein Neugeborenes bekomme das noch gar nicht mit. Es ist der erste von vielen gut gemeinten Sätzen, die sie in den folgenden Jahren von ihrem Gefühl abbringen.
In der Krabbelgruppe fällt der Unterschied auf. Andere Babys trinken entspannt, greifen nach dem Spielzeug und lassen sich anlächeln. Ihres bleibt auf dem Schoß, verkrampft beim Trinken, verschluckt sich, erschrickt bei jedem Quietschen und schreit. Auf ihr Lächeln beim Wickeln antwortet es mit zitternder Lippe und weggedrehtem Kopf. Die Autorin sieht das alles von Anfang an. Zuerst nimmt sie es gelassen, Kinder sind eben verschieden, dann kommen die Zweifel.
Wenn sie von ihren Sorgen erzählt, bekommt sie Trost, der nicht tröstet: Das machen doch alle mal, das ist sicher nur eine Phase, gerade spielt es doch ganz ruhig. Sie geht jedes Mal mit dem Gefühl, ihr Kind zu negativ zu sehen, und fragt sich, warum ausgerechnet sie so erschöpft ist. Der Rat, selbst entspannt zu sein, damit das Kind es auch ist, hilft nicht, die Anspannung bleibt. Am Ende steht der Schluss, sie sei eben keine gute Mutter. Sie spricht immer seltener darüber.
Mit dem zweiten Kind ändern sich die Vorwürfe. Nun heißt es, das Kind habe sie im Griff, sie müsse durchgreifen, die Zweiten seien eben so. Oder sie wird gefragt, ob es am frühen Wiedereinstieg liegt, am langen Stillen, am geringen Abstand der Kinder. Das schlechte Gewissen wächst.
Nur wenige hören anders zu. Sie haben keine Antwort, aber sie fragen: ob sie selbst eine Vermutung hat, wie es ihr damit geht, ob die Kinderärztin schon Bescheid weiß. Jemand bietet an, einen Text zu schicken. Für die Autorin sind das bis heute die wichtigsten Menschen auf dem Weg, und die Frage „Was denkst du, was dahinterstecken könnte?“ bleibt ihr im Gedächtnis.
Die Zeit war nicht nur schwer. Die Autorin erinnert sich an Nachmittage zu dritt, an Ruhe und an viele Fotos mit glücklichen Gesichtern. Doch immer wieder landet die Familie am selben Punkt, „Schleifen“ nennt es später die Therapeutin. Nach fünfeinhalb Jahren, mitten im Lockdown 2020, als auch die Zusammenarbeit mit der Kita wegfällt, sitzt die Autorin bei der Kinderärztin und sagt: „Unsere Kinder und wir brauchen Hilfe.“
Eine Freundin der Autorin besteht jahrelang darauf, dass abends nur vorgelesen wird, wenn das Kind dabei still ist. Immer wieder geht das Kind ohne Geschichte ins Bett. Erst die ADHS-Diagnose zeigt, dass das Verhalten nichts mit Desinteresse zu tun hatte. Das Zappeln war der Versuch, sich auf das Gelesene zu konzentrieren.
Eine andere Freundin meldet ihr Kind kurz von seinem heiß geliebten Basketball ab, weil sie die Probleme in Mathe auf die Konzentration auf den Sport schiebt. Später stellt sich eine Dyskalkulie heraus. Die Autorin kennt dieses schlechte Gewissen selbst und rät, sich zu verzeihen: „Ich weiß jetzt mehr, als ich damals wusste, und darum kann ich mich für vorangegangenes Verhalten entschuldigen und es künftig ändern.“
„Lies das Buch noch mal vor, Papa, aber jetzt sag statt Mond immer Tomate.“ So spielen manche autistische Kinder mit Sprache. Die Autorin hat erst spät gelernt, dass sprachliche Kreativität ein Merkmal von Autismus sein kann, lange dachte sie, beides schließe sich aus. Viele sprechende autistische Kinder neigen zu fast poetischen Wortkompositionen, erfinden eigene Sprachen und lieben Sprachspielereien. Ein Schüler gestaltet für sie einmal eine differenzierte Grafik darüber, wie sehr er noch an den Osterhasen glaubt.
Anders eingeprägt werden manchmal ganze Sätze: Der Sohn einer Freundin hört, wie die Familie der Autorin das jüngste Kind nach dem Schlaf mit „Na, wer ist eine süße Maus?“ begrüßt, und speichert den Satz als feste Einheit ab. Wie die Freundin berichtet, bekommt das Geschwisterkind von da an über Monate in jeder Begrüßung gleich mehrfach zu hören: „Na, wer ist eine süße Maus?“ Die Autorin nennt das „gestaltbasierten Spracherwerb“. Solche Kinder speichern ganze Sätze als feststehenden Ausdruck, statt die einzelnen Wörter zu zerlegen.
Der Termin für die Diagnostik ist ausgemacht, und die Autorin zerbricht sich den Kopf, wie sie ihrem Kind das erklären soll. Da sieht das Kind zufällig einen Fernsehbeitrag über ein neurodivergentes Mädchen. Am Ende der Sendung sagt es: „Mama, ich glaube, ich habe das auch.“ Die Autorin fällt aus allen Wolken und nutzt den Satz als Anlass, über die nächsten Schritte zu sprechen.
Später erzählt sie den Kindern vom Ablauf: Es geht in eine Praxis, so ähnlich wie bei der Kinderärztin. Sie werden abgehorcht, machen ein paar Übungen, es gibt Gespräche. Weil Reden schwerfällt, überlegt die Familie vorher, was hilft: Eines der Kinder hält sich dabei an einem Kuscheltier fest, das andere malt und spricht dann gelöster. Es warten Spiele und Knobelaufgaben. Die Tests machen den Kindern „wirklich Spaß“, und die Psychologin sagt ausdrücklich, dass sie nichts falsch machen können.
Leon ist etwa dreieinhalb, als eine befreundete Content-Creatorin dem Vater schreibt, er solle einmal die Abkürzung PDA googeln. Der Vater denkt an die Betäubung bei Geburten, und seine Frau hatte bei der Geburt nicht einmal eine. Er googelt trotzdem. Zwanzig oder hundertzwanzig Minuten später klappt er nassgeschwitzt und außer Atem den Laptop zu.
Was er gelesen hat, darf nicht stimmen. Wäre es wahr, hätten alle Menschen um die Familie Unrecht, es wäre keine Phase und würde sich nicht verwachsen. Sein Sohn hätte dann eine angeborene Behinderung des Nervensystems, und die bliebe. Der Vater bekommt Panik und tut, was viele in so einer Lage tun: Er steckt den Kopf in den Sand und macht weiter, als wäre nichts gewesen.
Drei Monate und unzählige Wutausbrüche später fragt seine Frau, wie es weitergehen soll, was sie noch tun können und an wen sie sich wenden sollen. Da fällt ihm ein, was er damals gelesen hat. Er holt den Laptop, und beide lesen gemeinsam. Schon nach den ersten Sätzen geht ihnen ein Licht auf, und plötzlich ergibt alles einen Sinn. Was dort steht, erklärt ihren Sohn und sein Verhalten vollständig. In der PDA-Gemeinschaft nennt man das den Lightbulb-Moment, den Moment, in dem die Glühbirne angeht.
Am Abend vor der U7, der Vorsorgeuntersuchung, blättert der Vater im Untersuchungsheft, um zu sehen, was Leon am nächsten Morgen können muss. Beim Punkt Sprache stutzt er: Erwartet wird Einwortsprache und mindestens zehn richtige Wörter ohne Mama und Papa. Er fragt seine Frau, ob morgen wirklich die U7 ansteht und nicht eher die U7a oder U8, und muss lachen. Leon hat die Babysprache einfach übersprungen und plappert seit etwa sechs Monaten wie ein Wasserfall. Ist er vielleicht hochbegabt?
Die Kinderärztin, bei der die Mutter es am nächsten Tag anspricht, sagt, man könne das beobachten, aber es sei viel zu früh für Aussagen. Leon sagt in der Praxis kein einziges Wort, er steht die ganze Zeit wie erstarrt da. Die Eltern gehen dem Thema selbst nach, mit einem Online-Treffen eines Vereins für Hochbegabung. Sie hören erst den anderen Eltern zu, dann zählen sie auf: der wache Blick nach der Geburt, die Wissbegier, der Perfektionismus, die Wut, wenn etwas nicht gleich klappt, Puzzles für Fünf- bis Sechsjährige mit zwei Jahren, die Sprache wie ein Erwachsener, pausenlos. Die anderen Eltern nicken.
Die Psychologin sagt, eine Diagnose könne sie nicht geben, eine richtige Untersuchung sei ohnehin erst um den vierten oder fünften Geburtstag sinnvoll. Aber sie „würde einen Besen fressen“, wenn Leon nicht mindestens höher begabt sei. Die Eltern sind erleichtert, sie spinnen nicht. Doch die Vulkanausbrüche erklärt das nicht. Auch die anderen Eltern kennen Wutanfälle aus der Trotzphase, aber nicht in dieser Heftigkeit und Häufigkeit. Es musste noch etwas dahinterstecken.
Als Michael zwei ist, gibt die Autorin beim Kontrolltermin den ausgefüllten Autismus-Fragebogen ab. Sofort will sie hinterherlaufen und der Pflegekraft nachrufen, dass ihre Fragen die falschen seien. Ihr Kind erfülle genau die Punkte, die dort abgefragt werden. Sie zweifelt an sich, schiebt ihre Intuition beiseite und sagt nichts.
Jahre später fasst sie sich am Ende eines Termins in der Ergotherapie ein Herz und fragt die Therapeutin, ob Michael auf Autismus untersucht werden sollte. Sie nennt seine Empfindlichkeit für Reize, die Schwierigkeiten beim Sprechen, die intensiven Interessen und die heftigen Gefühle. Die Therapeutin winkt ab und stützt sich dabei auf veraltetes Wissen über Autismus: Er sei einfühlsam und fühle tief, sie müsse sich keine Sorgen machen. Die Autorin macht sich keine Sorgen. Sie hofft. Sie hofft, dass jemand sagt, so etwas kenne man, und ihre Beobachtung bestätigt. Sie glaubt der Therapeutin trotzdem, und ein weiterer kleiner Traum stirbt: dass es einen Namen für ein Kind wie ihres gibt und eine Gemeinschaft, die es versteht.
Aus Verzweiflung beginnt die Autorin zu untersuchen, ob Michael autistisch ist. Sie legt ein Notizbuch voller Listen an. Oben auf jeder Seite steht ein Kriterium für die Diagnose Autismus, darunter die Belege. Aber es sind keine Beispiele aus Michaels Leben, sondern aus ihrem eigenen.
Sie erschrickt, als sie merkt, wie sehr sie sich wünscht, autistisch zu sein. Nicht vor dem Etikett fürchtet sie sich, sondern davor, einen weiteren Ort zu verlieren, an dem sie dazugehören könnte. Im Sommer 2021 werden Michael und sie im Abstand weniger Monate diagnostiziert. Michael bekommt seine Diagnose in einem kühlen Autismus-Zentrum einer Universität mit Einwegspiegeln und endlosen Formularen. Sie selbst bekommt ihre vier Monate später per Videogespräch, von einer fahrigen, freundlichen Frau mittleren Alters, die selbst autistisch ist und ADHS hat, mit nervösem Lachen, abschweifenden Antworten und einem Gefühl tiefer Verwandtschaft.
Eine Mutter lässt ihre Tochter in einem angesehenen Krankenhaus mit Autismus-Klinik in der eigenen Stadt untersuchen. Nach drei Versuchen heißt es, die Tochter sei zu unkooperativ, um getestet zu werden, und man könne im Moment nichts weiter anbieten.
Eine andere Mutter schreibt, ihre Tochter sei von einer Fachfrau noch einmal komplett neu untersucht worden. Sie habe zugehört und den riesigen Stapel Unterlagen gelesen. Die frühere Diagnose ODD (eine Diagnose für trotziges, aufsässiges Verhalten) strich sie und stellte stattdessen Autismus und PDA fest. Die Mutter schreibt, es gehe ihr nun viel besser, weil der Befund endlich zu ihrem Kind passe.