Was ist ein autistischer Burnout, und wie kommt ein Kind wieder heraus?

Zwölf Stunden unter der Decke

Amanda Diekman – Low-Demand Parenting Kapitel 1 und 8

Mitten in der Pandemie, nach vier verschiedenen Schulen in vier Monaten, gerät Michael in einen autistischen Burnout. Er ist sechs. Zwölf Stunden am Tag liegt er allein in seinem Zimmer unter einer Decke, schaut YouTube und isst knusprige Snacks. Er spricht nicht mit seiner Mutter und sieht sie nicht an. Er ist wütend, mal still und grollend, mal laut. Die Autorin kennt den Begriff Burnout noch nicht. Sie weiß nur, dass ihr Sohn leidet und dass sie ihn bis hierher immer weiter geschoben hat.

Die Menschen auf dem Bildschirm leisten ihm Gesellschaft, als sonst niemand zu ihm durchdringt. Ein Engländer, der in seiner Werkstatt ferngesteuerte Autos zusammenbaut, beruhigt den erschöpften Jungen. Die Autorin sieht das Gute daran, aber sie fragt sich, ob es jemand anderes auch sieht. Sie versteckt, wie es bei ihnen zugeht, aus Angst, man könne sie eine schlechte Mutter nennen, weil ihr Sohn den ganzen Tag vor einem Tablet sitzt. Erst später fragt sie, was daran eigentlich schlecht sein soll, und stellt fest, dass sich vor allem die Angst und das Urteil der anderen schlecht anfühlen.

Ein Glas vor der Tür

Amanda Diekman – Low-Demand Parenting Kapitel 5

Im Burnout zeigt Michael mit allem, was er tut, was er braucht. Er schließt die Tür ab und ruft seiner Mutter zu, sie solle ihm aus dem Gesicht gehen. Er knurrt, wenn jemand sein Zimmer betritt. Die Autorin hört auf zu klopfen und zu fragen, ob er Wasser möchte. Sie stellt stattdessen still einen vollen Becher vor die Tür, schiebt ein Bild eines Bechers unter der Tür durch, damit er weiß, dass er da steht, und holt den leeren später wieder ab.

Lässt er die Tür offen oder bringt sie ihm Snacks, schaut sie ihn nicht an und berührt ihn nicht. Sie legt ab, was er braucht, und geht hinaus. Ihre Haltung soll sagen: „Ich sehe und achte deine Grenzen. Ich liebe dich hier und kümmere mich auch dann um dich, wenn du wütend auf mich bist.“

Ein Frühstück ohne Worte

Amanda Diekman – Low-Demand Parenting Kapitel 1

Der Morgen ist für Michael die schwerste Zeit des Tages. Worte bleiben in ihm stecken, obwohl er seine Wünsche unbedingt aussprechen möchte, und sein Körper redet an seiner Stelle, mit Schreien und Toben. Seine Mutter druckt Bilder seiner liebsten Frühstücke aus und laminiert sie. Michael zeigt auf eines. An Tagen, an denen schon das zu viel ist, legt er ein Spielzeug darauf. Das Essen wird ihm gebracht, und er isst es still mit seinem Tablet. Ein Frühstück wie im Film ist das nicht, aber es macht den Morgen ruhig.

Manchmal ist sogar die Bildertafel zu viel, denn Hunger ist ein Anspruch von innen, und dagegen wehrt sich Michael. Dann gibt es Brezeln mit Nutella, ein Essen, das er fast immer annimmt. Die Familie kauft das Nutella inzwischen in großen Mengen und lässt die Scham darüber los, dass diese Süßigkeit das Nahrungsmittel ist, das er am häufigsten isst.

Für die Zeit nach einem Wutanfall gibt es eine zweite Tafel mit Bildern von dem, was ihm guttut: Toben mit Papa, Kuscheln mit Mama, allein sein, das Tablet, knusprige Snacks. Die Autorin schiebt sie ihm ohne ein Wort hin, wie ein Sicherheitsnetz. Die laminierten Blätter werden mit der Zeit ziemlich mitgenommen. Sie liegen trotzdem immer bereit.

„Danke, Mama“

Amanda Diekman – Low-Demand Parenting Kapitel 1

Die Autorin hört auf, ihren Sohn zu drängen. Sie bringt ihm Essen, ohne etwas zu sagen und ohne etwas zu fragen. Langsam, fast unmerklich, heilt Michael. Eines Tages stellt sie ihm wieder ein Schälchen Brezeln hin. Er schaut auf, lächelt und sagt: „Danke, Mama.“ Sie geht in ihr Zimmer, vergräbt das Gesicht in den Händen und weint vor Dankbarkeit.

Die Morgen bleiben der schwierigste Teil des Tages. Doch dann bittet Michael an einem Morgen ruhig und mit Worten um Müsli, als hätte er es nie anders gemacht. Die Autorin beherrscht ihr verblüfftes Gesicht, bringt die Schüssel wortlos und traut sich selbst noch nicht, etwas zu sagen. Er isst wie immer unter seiner Decke und taucht danach auf mit der Bitte, mit ihr zu spielen.

Dieser Morgen wird zum Wendepunkt. Die zwölf Stunden YouTube sind vorbei. Das Treten und Hämmern gegen verschlossene Türen nimmt ab. Michaels Augen leuchten wieder, und seine Kreativität bricht hervor. Er baut Fantasiewesen aus Pfeifenreinigern und große Konstruktionen aus Lego und redet dabei unaufhörlich, als müsse er die Monate des Schweigens aufholen. Er flattert beim Rennen mit den Händen und kaut an seinem Kauspielzeug, ohne sich darum zu kümmern, wer zuschaut.

Gute Nacht ohne Umarmung

Amanda Diekman – Low-Demand Parenting Kapitel 4 und 5

Michael erträgt es nicht, unerwartet berührt zu werden. Für sein Nervensystem fühlt sich das an wie eine Bedrohung. Seine Mutter dagegen umarmt ihn gern. Sie verzichtet darauf, ihn abends um eine Umarmung zu bitten, wünscht sie sich aber insgeheim weiter. Jeden Abend verlässt sie sein Zimmer traurig und malt sich aus, dass er später keinen Partner und keine Freunde wird umarmen können und einsam und seltsam bleibt.

Dann fragt sie sich, was sie sich eigentlich für ihn erhofft, wenn sie die Umarmung loslässt. Sie wünscht sich, dass er lernt, die Bedürfnisse seines Körpers zu achten und für seine Grenzen einzustehen. Dass niemand ihn so berührt, dass er Angst bekommt. Dass die Menschen, die ihn lieben, auch seine körperliche Eigenart lieben. Und dass ihre eigene Nähe ihn beruhigt, statt unbewusst Angst auszulösen. Jetzt steht sie ohne Umarmung von seinem Bett auf und ist sicher, dass es richtig ist. Sie stellt sich vor, wie er ruhig und ohne Angst einschläft.

Avocado mit Zucker

Amanda Diekman – Low-Demand Parenting Kapitel 5

In ihren Zwanzigern lebt die Autorin ein Jahr in Brasilien, in einer Sprache, die sie nie gesprochen hat, und ohne einen bekannten Menschen auf dem ganzen Kontinent. Die erste Woche verbringt sie bei einer Gastfamilie in Rio de Janeiro. Nach dem frühen Flug fährt sie im Taxi durch die engen Gassen von Rio. Der Fahrer ruft ihr zu, sie dürfe das Fenster nie öffnen, und so hält sie sich ohne Klimaanlage an ihrem Sicherheitsgurt fest und übersteht die Hitze.

Bei der Familie wird gerade das Frühstück aufgetragen. Auf Platten liegen Brot, Käse, Bananen und Avocado. Die Autorin macht sich höflich ein Brot mit gesalzener Avocado und legt eine Scheibe Brot obendrauf, Obst dazu. Im Raum wird es still, alle starren auf ihren Teller. Sie spürt, dass sie etwas falsch gemacht hat, und weiß nicht, was.

Dann sieht sie, wie jeder in der Familie die Avocado mit Banane zerdrückt und Zucker darüberstreut. Brot kommt mit Marmelade und Käse darauf. Es gibt eine Regel, die niemand ausgesprochen hat: Avocado gehört zu Zucker, nicht zu Salz, und nie auf ein Käsebrot.

Gefrorene Jahre

Fidler & Gould – Navigating PDA in America Kapitel 5

Nach einem Burnout geht Rosa nicht mehr zur Schule und zieht sich in ihr Zimmer zurück. Sie kann sich nicht anziehen, nicht sprechen, nicht mit anderen essen, nicht einmal ihre Geburtstagsgeschenke öffnen, die viele Monate vor der Tür liegen bleiben.

Über lange Zeit arbeiten Fachleute eng mit der liebevollen Familie zusammen. Rosa findet andere Wege, sich mitzuteilen, wenn Sprechen nicht geht, und kommt langsam heraus. Dabei helfen indirekte Anstöße, die sie zum Handeln bringen, ohne Druck aufzubauen. Zuerst genügt ein einziger anderer Raum im Haus, später gehören das ganze Haus und der Garten dazu, dann Ausflüge mit der Familie und Besuche an interessanten Orten.

Zum Lernen zurückzufinden dauert länger. Über ihre Leidenschaft fürs Lesen beginnt Rosa zu schreiben, und so findet sie ihre Stimme wieder. Sie schreibt über ihre „gefrorenen Jahre“ und darüber, dass sie Zeit zum Auftauen brauchte. Sie liebt Tiere und hofft, einmal mit Pferden zu arbeiten. Heute fühlt sie sich verbundener, hoffnungsvoller und zufriedener und erkennt früher, wann sie eine Pause braucht.

Bennos Befreiungsritual

Mark Leonard – Mein einzigartiges Pandakind Kapitel 12

Der siebenjährige Benno ist im autistischen Burnout, einem Zustand völliger Erschöpfung, in dem schon kleine Anforderungen zu viel sind. Die Familie wartet auf einen Diagnostikplatz, er ist krankgeschrieben. Trotzdem erwartet die Schule, dass seine Mutter regelmäßig Arbeitsblätter holt und er sie bearbeitet. Aus Angst vor dem Jugendamt und Sorge um seine Zukunft versucht sie, die Forderungen durchzusetzen, und bittet den Autor, der die Familie berät, um Tipps.

Sie probieren verschiedene Tageszeiten und Spiele, Belohnung und Strafe verschlimmern alles. Kurz hilft es, als die Textaufgaben mit Figuren aus Bennos Lieblingsspiel „The Legend of Zelda“ umgedichtet werden. Doch Benno rutscht weiter ins Burnout. Da sieht die Mutter ein, dass seine Gesundheit jetzt zählt. Sie holt keine Blätter mehr und spricht ihn nicht mehr darauf an. Trotzdem bessert sich nichts, denn die Arbeitsblätter liegen noch in einer Schublade, und die Erwartung bleibt für Benno spürbar.

Schließlich schlägt die Mutter vor, die Blätter gemeinsam und feierlich zu vernichten. Benno ist sofort dabei, was für ein Befreiungsschlag. Danach geht es endlich aufwärts.