Was steckt dahinter, wenn mein Kind nicht tun will, was verlangt wird?

„Ich entscheide, wann ich Schmerzen habe“

Mark Leonard – Mein einzigartiges Pandakind Vorwort von Saskia Niechzial

Das Vorwort beginnt mit einer Szene aus Saskia Niechzials Jugend. Mit 17 stößt sie sich den Kopf an ihrem Hochbett. Einen Moment ist es still, dann kommen der Schmerz und eine Wut, die viel größer ist als sie selbst. In ihrem Kopf heißt es: Sie entscheidet, wann sie Schmerzen hat. Zweimal tritt sie gegen das Bett, obwohl sie weiß, dass es nur ein Möbelstück ist, aber das Gefühl muss irgendwohin. Danach macht sie weiter, als wäre nichts gewesen. Das Pochen spürt sie nur dumpf, hinfühlen erlaubt sie sich nicht, es stand nicht im Plan.

Warum ein Stoß sie an die Grenze ihrer Gefühlswelt bringt, versteht sie erst viele Jahre später. Dann ergeben auch andere Momente Sinn. Sie steht mit einem vollen Glas in der Küche, durstig, und wartet noch eine Minute, weil sie entscheidet und nicht ihr Körper. An einem Herbsttag schwitzt sie im Wollpullover, weil der Himmel anders aussah, als sie dachte. Wechseln könnte sie ihn, aber sie hat sich nun einmal für dieses Outfit entschieden.

Die Sache mit der Jacke

Dr. Becky Kennedy – Good Inside Kapitel 2

Ein Kind will in den Garten, ohne Jacke. Ihm sei nicht kalt, sagt es. Die Eltern sagen, es müsse eine anziehen, draußen sei es eisig. Dem Anschein nach streiten beide über den Mantel. In Wahrheit will jede Seite gesehen werden: die Eltern mit ihrer Sorge, das Kind mit seinem Wunsch, über den eigenen Körper zu bestimmen.

Kennedy spielt zwei Fassungen durch. In der ersten atmen die Eltern kurz durch und fassen zusammen, was sie hören: Sie machen sich wegen des Winds Sorgen, und das Kind meint, dass ihm nicht so schnell kalt wird. „Habe ich das richtig verstanden?“ Das Kind bejaht und hat gleich einen eigenen Vorschlag: Es nimmt die Jacke mit und zieht sie an, sobald ihm kalt wird. Die Eltern finden die Lösung großartig.

In der zweiten Fassung herrschen zwei Grad und starker Sturm. Hier geht es nicht um Kontrolle, sondern um Sicherheit. Die Eltern sagen, es sei ihre Aufgabe, das Kind zu schützen, und heute heiße das Jacke. Sie sagen auch, dass es sich schlecht anfühlt, wenn jemand vorschreibt, was man zu tun hat. Das Kind weigert sich weiter. Die Eltern antworten, beides stimme: Die Jacke gehört nach draußen mit, und wütend darüber sein darf das Kind. Gefallen muss sie ihm nicht.

Eis zum Frühstück

Dr. Becky Kennedy – Good Inside Kapitel 13

Der dreijährige Ezra kommt in die Küche und will Eis zum Frühstück. Seine Mutter sagt freundlich, das gehe nicht, wie wäre es mit einer Waffel? Ezra besteht auf Eis, nur Eis, sofort. Dann wirft er sich auf den Boden, weint und schreit, scheinbar endlos.

Seine Mutter erinnert sich, dass ihre Aufgabe nicht darin besteht, den Anfall zu beenden, sondern ruhig zu bleiben und ihr Kind sicher zu halten. Sie atmet durch und sieht Ezra als Kind, das es schwer hat, nicht als eines, das ihr das Leben schwer macht. Sie sagt ihm, zwei Dinge seien wahr: Eis gebe es zum Frühstück nicht, und er dürfe darüber wütend sein. Sie liebe Eis auch. Wenn er so weit sei, finde sich etwas anderes Leckeres. Ezra hält kurz inne, dann schreit er weiter.

Die Mutter setzt sich neben ihn auf den Boden und sagt, er wünsche sich so sehr Eis, so groß wie die Küche, wie das ganze Haus, und es sei schwer, sich etwas so sehr zu wünschen und es nicht zu bekommen. Dann wartet sie. Irgendwann ist der Anfall vorbei. Sie ist erschöpft, er auch. Aber sie weiß, dass sie ihre Sache gut gemacht hat.

Das blaue ist meine Lieblingsfarbe

Dr. Becky Kennedy – Good Inside Kapitel 14

Der vierjährige Liam sieht, wie seine sechsjährige Schwester Charlotte in der Küche die blaue Trinkflasche nimmt. Blau sei seine Lieblingsfarbe, ruft er. Ihre Mutter Allison bleibt bei der Grenze: Charlotte habe die schon, er könne die rote oder die grüne haben. Liam explodiert. Er läuft zur Schublade und wirft die Flaschen durch den Raum. Als Allison näher kommt, schlägt und kneift er sie und schreit, er hasse sie.

Allison zieht ihn von der Schublade weg und sagt, sie lasse nicht zu, dass er wirft. Sie weiß, dass Liam gerade völlig überflutet ist, und lässt sich von seinem „Ich hasse dich“ nicht ködern. Sie hält sein Handgelenk fest, als er zuschlagen will, und trägt ihn in sein Zimmer. Dabei sagt sie nur, ihre wichtigste Aufgabe sei, ihn zu schützen, und das heiße jetzt, ihn hier hinzutragen und bei ihm zu sitzen. Er sei nicht in Schwierigkeiten, sie liebe ihn, sie sei da.

Sie schließt die Tür und setzt sich neben ihn. Liam tritt, schreit, sie solle verschwinden. Allison stellt sich vor, er spreche gar nicht mit ihr, sondern mit seinen Gefühlen. Als ihr Herz zu rasen beginnt, sagt sie ihm, sie gehe kurz vor die Tür, atme ein paarmal durch und sei gleich zurück, sie liebe ihn, er sei ein gutes Kind. Draußen atmet sie, dann geht sie wieder hinein, hält einen Tritt auf und sagt zwischendurch nur wenige Sätze: Sie sei da, er dürfe es rauslassen, er sei ein gutes Kind, dem es gerade schwerfällt. Irgendwann beruhigt sich Liam und bittet um eine Umarmung. Allison bestraft ihn nicht und trägt ihm nichts nach. Sie umarmt ihn und sagt: „Ich weiß. Ich weiß. Ich liebe dich.“

Zwei Pobacken auf dem Stuhl

Amanda Diekman – Low-Demand Parenting Kapitel 5

Ihr zappelnder Sohn steht beim Essen neben dem Stuhl, ein Bein auf der Sitzfläche, das andere auf dem Boden. Die Autorin ärgert sich bei jeder Mahlzeit. Sie fragt sich, warum das eigentlich wichtig ist, und jede Antwort führt zur nächsten. Er soll still sitzen, weil sein Aufstehen alle stört. Seine Brüder sollen essen, weil sie ohnehin schwer zu füttern sind und selten mögen, was sie kocht. Und sie sorgt sich, weil eines der Kinder so wenige Lebensmittel akzeptiert und sie fürchtet, es esse nicht genug.

Es geht also gar nicht um die Pobacken oder um den zappelnden Sohn, sondern um ein ganz anderes Kind. Und sie sieht, dass dieses Kind wächst und gedeiht, auch wenn seine Auswahl klein ist.

Dann stellt sich heraus, dass der Zappelnde nicht ohne Grund vom Tisch wegläuft. Er hat Misophonie, eine Überempfindlichkeit des Gehörs, und das Kauen der anderen ist für ihn eine Qual. Er wackelt und rennt aus reinem Überlebensdrang weg. Als er allein essen darf, ist er erleichtert und froh. Die Autorin ist es auch.

Das Kissennest

Amanda Diekman – Low-Demand Parenting Kapitel 5 und 7

Beim Frühstück wirft Michael Müsli und schreit seine Geschwister an. Die Autorin schreibt auf, was alles in dem Wunsch „Müsli essen“ steckt: ein lauter Raum mit der ganzen Familie, Gespräche mit einer grummeligen Erwachsenen vor dem ersten Kaffee, Müsli einschütten, auf die Milch warten, essen. Dann streicht sie, was nicht wichtig ist. Michael muss nicht mehr mit der Familie am Tisch essen und auch nicht zu einer bestimmten Zeit.

Anfangs braucht er beim Essen völlige Stille und Alleinsein, aber auch jeden Tag einen neuen Ort. Also baut seine Mutter ihm jeden Morgen ein Nest aus Kissen mit Kuscheltieren, einer Decke und einem Tablet, jeden Tag an einer etwas anderen Stelle. Dazu kommt eine laminierte Speisekarte mit sechs Frühstücken, die immer im Haus sind, auch Tiefkühlwaffeln, die er sich wünscht. Er wählt mit einem Trockenmarker, zeigt darauf, sagt es oder legt ein Spielzeug darauf.

Manchmal wird auch die Karte zur Anforderung, dann wirft er sie weg oder ignoriert sie. An solchen Tagen stellt die Autorin ihm alle sechs Frühstücke wortlos hin. Er zeigt auf das, was er will, oder wirft alles um außer dem Gewünschten. Hat er gegessen, kann er sprechen und mit ihr zusammenarbeiten. Seine beiden Brüder spielen währenddessen zusammen Minecraft und essen ihr Lieblingsfrühstück, denn dafür hat die Autorin die Bildschirmregeln gelockert.

Eine Schale mit hartem Müsli

Fidler & Gould – Navigating PDA in America Kapitel 3

Wer Unangenehmes tun soll, braucht bei PDA meist einen Sinn dahinter. Das Bett zu machen, in das man abends wieder steigt, leuchtet vielen wenig ein. Eine Mutter lässt ihren Sohn deshalb einfach sehen, was nach Stunden aus der Müslischale auf dem Tisch geworden ist: Die Reste sind hart wie Kleber. Danach versteht er selbst, warum man die Schale nach dem Frühstück ausspült. Kein Urteil, kein Druck, nur eine Gelegenheit zum Lernen.

Manche Kinder lassen sich auf Experimente ein. Ein Zahn liegt eine Woche in Cola, ein zweiter in Wasser, als Beleg, warum regelmäßiges Zähneputzen und weniger Zucker sinnvoll sind. Manchmal lernt jemand auf die harte Tour: Peter bekommt eine Pilzinfektion der Haut, bevor das häufigere Waschen einleuchtet. Sein Vater tut es leid, doch Erinnerungen ans Duschen wirken auf Peter seither hilfreich und freundlich, nicht mehr lästig.

Auch der Blick auf andere kann helfen. Zu Hause wehrt sich manches Kind dagegen, Einkäufe einzuräumen oder den Kühlschrank auszumisten. Für eine ältere Verwandte, bei der die Hilfe nötiger scheint als bei den Eltern, tut es genau das gern.

„Ich kann meine Beine nicht bewegen“

Mark Leonard – Mein einzigartiges Pandakind Kapitel 2

An einem heißen Sommertag am Badesee spielt Leon, damals im Kindergartenalter, mit seinem Vater im Sand. Beim Heimweg zum Lastenrad trägt der Vater Spielsachen, Kühltasche, Zelt und Sonnenschirm und muss nach wenigen Metern verschnaufen. Leon hat sich nicht vom Fleck bewegt. Der Vater erklärt, bittet, erinnert an das Abendessen, das zu Hause wartet. Leon sagt leise: „Trag mich.“ Das geht nicht, sagt der Vater, das ganze Gepäck muss ja zurück zum Rad. Auch das Angebot eines Eises am Kiosk ändert nichts.

Andere Familien gehen vorbei, ihre Kinder laufen brav nebenher und tragen sogar ihre eigenen Sachen. Der Vater wird lauter, nimmt Leon an der Hand, nach zwei stolpernden Schritten bleibt der Junge wie angewurzelt stehen und weint: Er könne nicht laufen. Doch, du kannst, entgegnet der Vater. Leute beginnen zu schauen. Nach etwa 20 Metern stampft der Vater zurück. Als Leon zu ihm aufblickt, sieht er in den geröteten Augen bloße Panik. „Ich kann meine Beine nicht bewegen“, schluchzt der Junge. Ein Vater schüttelt im Vorbeigehen den Kopf.

Der Vater klemmt Leon unter den Arm, setzt ihn bei den Taschen ab, trägt das Gepäck ein paar Meter voraus, kehrt zurück und trägt Leon ein Stück. So arbeiten sich beide Etappe für Etappe zum Rad. Ein Eis gibt es nicht, und dem Sohn ruft er noch zu, dies sei sicher das letzte Mal am See gewesen. Noch am selben Abend entschuldigt er sich. Seitdem waren sie unzählige Male dort, und so etwas ist nie wieder passiert. Nicht das Kind habe seine Lektion gelernt, schreibt der Vater, sondern er.

Jedes Mal ein Zusammenbruch vor der Therapie

Fidler & Gould – Navigating PDA in America Kapitel 5

Eine Mutter erzählt, dass ihr Sohn jedes Mal einen Zusammenbruch hatte, wenn sie ihm sagte, es sei Zeit für die Therapie. Sie musste betteln und flehen und ihn fast zum Auto ziehen. In der Praxis saß er dann mit verschränkten Armen und geschlossenem Mund da, während die Therapeutin versuchte, ihn zum Reden zu bringen. Sie brachte ihn trotzdem weiter hin, weil sie vor Arzt und Schule als gute Mutter dastehen wollte. Heute hält sie es für verschwendete Zeit, Kraft und Geld: Es sei weder der richtige Zeitpunkt noch die richtige Passung gewesen.

Die Autorinnen finden es schade, dass nicht mehr ausprobiert wurde. Möglich gewesen wären eine andere Uhrzeit, der Schlafanzug statt Anziehen, erste Sitzungen auf dem Parkplatz, ein Eingang durch die ruhigere Hintertür, etwas Beruhigendes zum Mitnehmen, ein Sonderinteresse als Einstieg und weniger direkte Fragen. Sie fragen auch, wie dem Sohn erklärt wurde, wozu die Sitzungen gut sein sollen.

„Du sagst doch, wir haben keine Muss-Sachen“

Amanda Diekman – Low-Demand Parenting Kapitel 7

Michael geht sonst gern zur Sprachtherapie. Er liebt die Aufmerksamkeit, die er dort ganz für sich hat, und die kreativen Projekte, die seine Therapeutin sich ausdenkt. Eines Tages sträubt er sich. Die Autorin ist überrascht und denkt, sie könne ein wenig drücken. Sie glaubt, dass er Fortschritte macht, und möchte, dass es so weitergeht. Außerdem würde sie selbst gern, dass er geht, denn im Wartezimmer kann sie schreiben und hat eine Pause.

Sie sagt, heute sei ein Versuchen-Tag. Michael jammert, na gut, dann gehe er eben, sie zwinge ihn ja. Bei ihm ist das ein Zeichen von Not, und wenig später kippt er in einen Wutanfall. Sie rudert zurück: Er müsse nicht bleiben, sie könnten jederzeit wieder gehen. Er atmet tief durch und sagt: „Mama, du sagst, bei uns gibt es keine Muss-Sachen, aber gerade zwingst du mich.“

Da versteht sie: Er kennt die Familienregeln und nimmt sie beim Wort. Sie entschuldigt sich, er habe recht, sie habe sich geirrt, und sie bedanke sich für die Erinnerung. Er sei ein toller Junge. Ihre Pause holt sie sich auf andere Weise. Michael schaut ein Video, bei dem sie nicht mitschauen muss, und sie geht um den Block und winkt ihm bei jeder Runde zu. In der nächsten Woche geht er gern zur Therapie.

„Ich war endlich der Chef über mein Leben“

Amanda Diekman – Low-Demand Parenting Kapitel 8

Eines Abends bringt die Autorin ihren ältesten Sohn Owen ins Bett. Er fragt, worüber sie heute geschrieben hat. Sie erzählt, es gehe darum, warum sie die Bildschirmzeit nicht begrenzt, und sein Gesicht hellt sich auf. Früher habe es kaum welche gegeben, erinnert er sich. Für die Kinder sei es sicher eine große Veränderung gewesen, überlegt sie laut.

Da kommen seine Worte ins Fließen. Es habe sich angefühlt, als habe sie aufgehört, ihn zu kontrollieren. Sie habe zugehört, was er und die anderen tun wollten, und das sei für sie in Ordnung gewesen, und er sei endlich der Chef über sein eigenes Leben. Er mag es, eigene Entscheidungen zu treffen. Bildschirme seien nicht schlecht oder böse. Wenn er Fortnite nie gefunden hätte, das sei sein liebstes Ding auf der ganzen Welt.

Die Autorin erkennt den Ausdruck, den sie von Autisten kennt, wenn das Gehirn sich in das Spezialinteresse versenkt. Und sie fragt sich, was gewesen wäre, wenn sie bei der Kontrolle geblieben wäre. Sie hätte dieses freie, respektvolle Gespräch mit einem Kind verpasst, das ihr vertraut und ihr die Wahrheit sagt.

„Komm, wir kriegen sie“

Amanda Diekman – Low-Demand Parenting Kapitel 1

Ein Psychologe schlägt der Familie einen strengeren Plan vor, mit festen Erwartungen, Belohnungen und Strafen. Die Autorin erklärt ihn ihren Kindern ruhig und liebevoll. Ihr vierjähriger Sohn Owen dreht sich daraufhin zu seinem kleinen Bruder Michael um und sagt: „Komm, wir kriegen sie.“

Die beiden gehen auf ihre Mutter los, schlagen und kratzen sie, während sie sich schützend vor das Baby stellt. Dann rennen sie aus der Haustür und knallen sie hinter sich zu. Die Autorin sinkt in Tränen zusammen. So sollte es nicht laufen.

Zwei Hände am Einkaufswagen

Amanda Diekman – Low-Demand Parenting Kapitel 1

Nach dem Plan des Psychologen greift die Autorin zu Erziehungsbüchern, in denen Konsequenz als das Wichtigste gilt. Bald droht sie mit Dingen, die sie gar nicht meint: Wer im Supermarkt nicht beide Hände am Einkaufswagen lässt, bekommt die Oreos nicht. Wer den Bruder auch nur ansieht, muss nach Hause. Sie kommt mit dem Durchsetzen kaum hinterher und ärgert sich über ihre eigenen Regeln.

Die Kinder übernehmen ihre Strenge. Sie zeigen auf jede Regel, die jemand bricht, und verlangen Strafe. Michael sagt schließlich: „Dann wirf mich doch aus der Familie.“ Er will damit zeigen, dass ihn keine Strafe trifft und dass er sich nicht beugt.

„Da war einfach nichts“

Dr. Becky Kennedy – Good Inside Kapitel 7

Eine Mutter und ein Vater kommen wegen ihres 16-jährigen Sohnes zu Kennedy. Er sei außer Kontrolle, sagen sie: gemein zu den Geschwistern, nachts lange unterwegs, weit nach der vereinbarten Zeit zurück und jetzt dabei, die Schule zu schwänzen. Das Schwänzen hat sie in die Praxis gebracht.

Die Familie hat schon immer mit Belohnungen, Strafen, Stickertafeln und Auszeiten gearbeitet, oft nach dem Rat von Fachleuten. Jede Methode schien zu wirken, bis das nächste Problem auftauchte. Dann kam wieder eine Methode zum Einsatz, das Problem verschwand scheinbar, und ein anderes trat an seine Stelle. So ging es mehr als zehn Jahre. Kennedy fällt beim Zuhören auf, dass die Eltern 16 Jahre lang keine Beziehung zu ihrem Sohn aufgebaut haben. In der Praxis findet sie, wie sie sagt: „einfach nichts“.

Der Sohn sagte den Eltern im Grunde, ihre Stickertafeln und Strafen seien ihm egal. Er sei größer, in eine Auszeit könnten sie ihn nicht mehr stecken, Angst habe er keine mehr vor ihnen, und mit ihm verbinde sie nichts. Kennedy und andere Fachleute arbeiten lange mit der Familie. Es gibt viele Rückschläge und am Ende große Fortschritte, aber auch noch viel zu tun. Heute ist der Sohn 20. Die Eltern arbeiten an der Versöhnung mit ihm und gehen mit den jüngeren Kindern anders um. „Ich wünschte, ich hätte das früher begriffen“, sagt der Vater.