Mark Leonard
Mark Leonard ist Vater eines Sohnes im PDA-Autismus-Profil und berät Familien mit solchen Kindern. PDA steht für „Pathological Demand Avoidance“, auf Deutsch pathologische Anforderungsvermeidung, oder für „Pervasive Drive for Autonomy“, einen allgegenwärtigen Drang nach Autonomie. Die Kinder werden im Buch „Pandas“ genannt. Sie erleben Kontrollverlust und Hierarchie so heftig, dass ihr Körper in den Überlebensmodus schaltet, als ginge es um Leben und Tod. Belohnungssysteme und logische Konsequenzen helfen ihnen nicht. Oft verschlimmern sie alles.
Durch das Buch führt Leon, sechs Jahre alt. Er ist eine Mischfigur aus Leonards eigenem Sohn und anderen Pandas aus der Beratung, damit die Familie ihre Privatsphäre behält. Die Episoden haben nach Leonards Worten genau so zugetragen, nur nicht unbedingt bei ihm zu Hause.
Das Buch erklärt zuerst, was im Kind passiert, und zeigt dann, wie Eltern Wutausbrüche begleiten, Anforderungen senken und ihr Kind regulieren. Spätere Kapitel behandeln Diagnose, Geschwister und Paarbeziehung, Kita und Schule und das autistische Burnout. Das Vorwort stammt von Saskia Niechzial.
Leonards Grundbild ist ein Fass. Das Nervensystem füllt sich mit jeder Anforderung, über den Tag und über Wochen, bis es überläuft. Der Anlass für einen Wutausbruch wirkt dann winzig. Bei Leon war es eine Buntstiftmine, die beim Spitzen herausfiel, sodass er von vorn anfangen musste. Das war nicht der Grund, sondern nur der letzte Tropfen. Der eigentliche Grund war, dass das Fass schon randvoll war.
Als Anforderung zählt fast alles. Das Buch unterscheidet vier Arten. Direkte Anforderungen sind Aufforderungen wie „Zieh deine Schuhe an“, aber auch Fragen wie „Was möchtest du essen?“, denn sie erwarten eine Entscheidung. Indirekte entstehen ohne ein Wort: Das Kind freut sich auf den Spielplatz und weiß doch, dass es sich dafür anziehen muss. Dazu zählen unausgesprochene Erwartungen. Wer beim Schuhebinden hilft und dabei denkt „Das könntest du eigentlich selbst“, wird von einem Panda durchschaut, ebenso wie bei ungefragtem Lob. Körperliche Anforderungen sind Hunger, Harndrang oder Krankheit, bei denen der eigene Körper bestimmt. Die vierte Art ist höhere Gewalt: blendende Sonne, Regen, Gesetze und Regeln.
Stuft das Gehirn Kontrollverlust oder ein Machtgefälle als Bedrohung ein, schaltet es in den Überlebensmodus. Denken und Zuhören werden heruntergefahren, gut gemeinte Worte kommen nur als Störgeräusch an. Leonard beschreibt fünf Reaktionen. Beim Kampf (Fight) wird geschrien, geschlagen und geworfen: der Meltdown. Bei der Flucht (Flight) wird getrödelt, abgelenkt, gelogen oder die Tür zugeknallt. Die Schockstarre (Freeze) zeigt sich oft bei Fremden: Das Kind schweigt und versteckt sich. Beim „Fawn“, dem Bambi-Reflex, ist es brav und folgsam, mit einer Maske, und lässt zu Hause alles fallen. Der Autor nennt das Türschwellensyndrom. Beim Zusammenbruch (Flop) ist das Kind erschöpft und apathisch. Ein Satz fasst es zusammen und ist in der PDA-Gemeinschaft zum geflügelten Wort geworden: „Can’t, not won’t“. Es ist ein Nicht-Können, kein Nicht-Wollen.
Das Buch beginnt mit einer Szene. Ein Spielzeugauto schlägt hinter dem Vater in die Wohnzimmerwand ein, den Luftzug spürt er an der Wange. Papierfetzen regnen wie Asche, Marmeladenbrote fliegen, ein Tritt trifft das Schienbein. Der Vater bringt alles außer Reichweite, was kaputtgehen oder gefährlich werden könnte: das Handy, das Tablet, die Kaffeetasse und den Laptop. Dann setzt er sich mit Abstand zum Sohn auf den Boden, bleibt aber gut sichtbar, und schaut zu. Im Kopf schreibt er die Liste für morgen: Teppich reinigen, Wand ausbessern, neuer Malblock, neue Buntstifte.
Irgendwann werden die Würfe kürzer und kraftloser, es gibt nichts mehr zu zerreißen. Mitten in die Stille sagt der Vater leise: „Ich bin für dich da, wenn du mich brauchst.“ Ein Angebot, nichts weiter. Der Sohn hebt den Blick, die Augen rot und traurig, wischt sich den Schweiß von der Stirn und kommt ein paar Schritte näher. Dann rennt er los und wirft sich in die Arme des Vaters. Beide weinen. Ob zwei oder zwanzig Minuten vergehen, weiß der Vater später nicht. Schließlich murmelt Leon: „Ich möchte jetzt gern Tablet schauen, Papa.“ – „Das finde ich eine gute Idee, mein Schatz.“ Der Vater trägt ihn zum Sofa, erwähnt beiläufig, was für eine Unordnung hier herrsche und dass er sie nachher aufräumen müsse, vielleicht mag Leon ja helfen. Und er legt ungefragt ein Stück Lieblingsschokolade auf den Tisch. Es verschwindet in Sekunden. Der Vater weiß, dass Leon genau das jetzt braucht.
Aus solchen Szenen hat Leonard eine Methode entwickelt: Anchors, auf Deutsch Anker, mit sieben Schritten. Der erste Schritt ist, anzunehmen, dass es zu spät ist und der Ausbruch sich nicht mehr aufhalten lässt. Das spart die Hektik, mit der Eltern sonst Techniken ausprobieren und alles verschlimmern. Danach wird der Schaden begrenzt: Wertvolles und Geschwister in Sicherheit bringen, im Zweifel lieber den Raum anpassen, als das Kind wegzuführen, denn nach Leonard verschärft schon das Eingreifen die Lage. Dann folgt das Aushalten. Der Elternteil tut nichts, ist da und sieht zu. Berührung und Worte wären jetzt zu viel.
Erst wenn das Kind ruhiger wird, folgt die vorsichtige Kontaktaufnahme: ein Satz wie „Ich bin hier, wenn du mich brauchst“ oder „Ich würde mich an deiner Stelle auch so fühlen“. Faucht das Kind zurück, war es zu früh, und der Elternteil zieht sich zurück. Die Mutter der elfjährigen Lea schiebt solche Sätze auf kleinen Zetteln unter der Badezimmertür durch, wenn sich ihre Tochter dort verschanzt hat. Lea muss nicht antworten, kann das Zettelchen auffalten, wann sie will, und weiß trotzdem, dass die Mutter draußen ist. Danach folgen Trost und Ablenkung. Leonard veranschaulicht das mit einem Beispiel: „So ein blödes Spiel, da kann man ja gar nicht gewinnen. Ich schlage vor, wir verstecken es hinten im Schrank.“ Und Leon ist plötzlich lachend dabei, es dem Verursacher seines Kontrollverlusts heimzuzahlen.
Es folgen Erholung für alle Beteiligten und mit etwas Abstand der Rückblick: Was kam vorher, was hat das Fass gefüllt, was lässt sich beim nächsten Mal ändern? Jede begleitete Krise liefert dem Gehirn neue Erfahrungen, auf die es bei künftigen Vorhersagen zurückgreifen kann.
Das Wichtigste in der Begleitung ist nach Leonard die Haltung: das Kind als gleichwürdigen Menschen mit demselben Wert zu behandeln. Dabei stört eine innere Stimme, die er „Günther“ nennt. Günther ist Mitte bis Ende 60, hat Halbglatze, Schnauzbart und Bierwampe, ist immer schlecht gelaunt und sagt Sätze wie „Hat mir ja auch nicht geschadet“. Er steht für das, was der Vater als Kind selbst erlebt hat. Wann immer er sich meldet, zeigt sich, dass nicht die eigene Überzeugung spricht.
Wie Günther klingt, zeigt die Szene am See. Nach einem schönen Tag am Badesee will Leon plötzlich nicht mehr laufen. Der Vater, bepackt mit Zelt, Kühltasche und Sonnenschirm, bittet, lockt mit einem Eis und wird laut. „Trag mich“, sagt Leon. Der Vater kann nicht, er muss das ganze Gepäck tragen. Als Leon unter Tränen sagt, er könne nicht laufen, antwortet der Vater: „Doch, du kannst.“ Fremde schauen, ein anderer Vater schüttelt den Kopf. Beim dritten Anlauf sieht der Vater in Leons Augen bloße Panik: „Ich kann meine Beine nicht bewegen.“ Er klemmt ihn unter den Arm und bringt Gepäck und Kind Etappe für Etappe zum Rad. Noch am selben Abend entschuldigt er sich. Die Situation ist nie wieder entstanden, nicht weil das Kind etwas gelernt hätte, sondern weil der Vater seine Lektion gelernt hat. Elternschaft sei „ein Voranscheitern“, schreibt Leonard. Entscheidend ist, was danach kommt.
Die vierte Panda-Strategie heißt: Anforderungen verschleiern. Entscheidend ist dabei, wie etwas gesagt wird. „Räum das bitte auf“ ist ein Befehl im Bitten-Gewand. „Kannst du das bitte aufräumen?“ lässt dem Kind zwar ein Nein, verlangt aber eine Entscheidung. Beides lässt den Pegel steigen. Leonard setzt auf deklarative Sprache, also beschreibende Sprache. Statt zu fordern, beschreibt der Elternteil, was er sieht und wie es ihm damit geht: „Wie sieht es denn hier aus. Bei so einem Chaos fällt es mir schwer, mich zu konzentrieren. Wenn es aufgeräumter wäre, wäre ich schneller fertig.“ Wahrscheinlich fängt Leon von selbst an, denn er erkennt die Not des Vaters und hat selbst etwas davon, wenn der Vater früher Zeit zum Spielen hat. Statt zu fragen, was Leon essen will, denkt der Vater in dessen Gegenwart laut darüber nach, was er kochen könnte. Meist kommt ungefragt ein Wunsch. Hilfreich sind Satzanfänge wie „Ich bin gespannt“, „Mich würde interessieren“ oder „Ich frage mich“. Voraussetzung ist, dass es dem Elternteil wirklich gleichgültig ist, ob das Kind der versteckten Bitte nachkommt.
Weitere Mittel sind Spiel und Humor. „Ich bin gespannt, wer von uns beiden zuerst die Schuhe anhat“ startet einen Wettlauf, und der Vater gibt sich Mühe, ihn zu verlieren, denn nach Leonard gilt: Pandas gewinnen, sind die Ersten und haben das letzte Wort. Ruft Leon im Streit „Dummer Papa!“ und tritt, kann der Vater mitspielen: „Ja, ich weiß, ich bin so dumm, ich mache immer alles falsch.“ So kehrt sich die Rangordnung um, und das Gleichgewicht ist in Sekunden wiederhergestellt. Beim Strewing („Streuen“) liegen drei bis fünf Dinge wortlos am Rand des Blickfelds bereit, sodass das Kind ohne Aufforderung wählen kann. Lässt sich eine Anforderung nicht vermeiden, etwa eine Medizin, die eingenommen werden muss, hilft Ehrlichkeit. Der Elternteil stellt sich auf die Seite des Kindes: „Ich finde das auch blöd, aber wir müssen da durch. Gemeinsam schaffen wir das.“
Die erste Strategie heißt „Pick your battles“, Kämpfe wählen. Eltern prüfen, welche Regeln, Rituale und Routinen wirklich notwendig sind, und lassen den Rest fallen. Das Lieblingsbeispiel ist das gemeinsame Abendessen. Für viele Pandas steckt darin ein Berg an Anforderungen: Hunger spüren, warten, bis alle sitzen, essen, was gekocht wurde, still sitzen, reden. Leonard schlägt vor, es anders zu sagen: „Du musst nicht mehr mit uns essen, aber du darfst jederzeit.“ Das Kind isst, wann es Hunger hat, was es mag, vielleicht auf dem Sofa, vielleicht nebenbei beim Spielen, und manchmal füttert es der Elternteil, weil das Nervensystem sonst die Gabel nicht zum Mund führen lässt. Panda-Kinder, schreibt er, können im Zweifel vor dem vollen Teller verhungern. Die Folge: Zähneputzen und Zubettgehen werden oft viel leichter, in manchen Familien über Nacht, weil das Kind mit einem niedrigeren Pegel in den Abend geht.
Es heißt „Pick your battles“, nicht „remove all battles“. Auf die Frage, wie das Kind später zurechtkommen soll, antwortet Leonard mit einer Gegenfrage: Wie soll es lernen, wenn es gerade mit Überleben beschäftigt ist? Braucht ein Elternteil selbst eine Grenze, gilt „Activate or Accommodate“: nachgeben oder Nein sagen, im Wissen, dass das Nein den Pegel hebt. Das Buch warnt außerdem davor, dass sich die Lage nach Einführung der Strategien zunächst oft verschlechtert, weil das Kind die Maske ablegt und neue Grenzen erkundet, und dass Besserung nicht geradlinig verläuft.
Verhandlungen auf Augenhöhe können dabei richtig kosten. Leonard schlägt vor, die Familie wie eine WG zu betrachten, in der es keinen Vorstand mit Vetorecht gibt. Wie das aussieht, zeigt die Geschichte von Felix. Der Elfjährige hat einen Meltdown im Supermarkt, weil sein Vater das teuerste Eis nicht kaufen will. Nachdem sich Felix beruhigt hat, erklärt der Vater in Ruhe: Ein Eis gern, aber nicht über fünf Euro, das sei nicht verhältnismäßig. Felix stimmt zu, wenn dafür das Black-Angus-Steak für 50 Euro, das der Vater sich am Wochenende gönnt, aus dem Einkaufswagen wandert, denn das findet er auch nicht verhältnismäßig. Der Vater versteht: Es ging nie um das Eis, sondern um das Ungleichgewicht zwischen ihm, der sich etwas gönnt, und dem Sohn, der zurückstecken soll. Sie verlassen den Laden mit Wassereis und ohne Steak. Das Steak gibt es seither nur noch hin und wieder, an Tagen, an denen auch Felix sich etwas Besonderes aussuchen darf.
Steigt der Pegel weiter, folgt häufig „Equalizing“: Das Kind stellt das Gleichgewicht wieder her, indem es jemanden beleidigt oder verletzt oder etwas zerstört, und dreht damit kurz die Rangordnung um. Danach ist es oft sofort wieder ruhig, als wäre nichts gewesen. Leonard rät, es wo möglich auszuhalten, denn jedes Gegenhalten schafft eine neue Hierarchie, die wieder ausgeglichen werden muss. Dass sich Eltern misshandeln lassen sollen, meint er ausdrücklich nicht. Bleibt das Gleichgewicht gestört, kann das Kind in einer Endlosschleife hängen, die Leonard Error-Loop nennt.
Die vierjährige Sophie kommt mit ihren Eltern und der Oma von einem Sonntagsspaziergang zurück. Der Vater schließt die Haustür auf und setzt als Erster den Fuß über die Schwelle. Sophie wirft sich zu Boden, als hätte sie jemand geschubst, stößt sich Kopf und Knie und schreit so, dass sie fast hyperventiliert. Der Vater darf nicht an sie heran, die Mutter schon. Als Sophie sich gerade etwas beruhigt, sagt die Oma „Lass mich das mal machen“, und es geht von vorn los. Die Oma zieht sich nach oben zurück. Nach einer Dreiviertelstunde schluchzt Sophie nur noch leise, aber das Problem ist nicht gelöst. Die Eltern tasten den Ausflug ab. War der Weg zu lang? War der Kommentar der Oma zur fehlenden Mütze unpassend? Jedes Mal ein leichtes Kopfschütteln. Dann sagt der Vater: „Ich glaube, du wolltest bestimmt die Erste im Haus sein.“ Sophies Kopf fährt herum, die Augen riesig.
Also machen alle es noch einmal. Während die Mutter die Oma überredet, den Firlefanz mitzumachen, hilft der Vater Sophie beim Anziehen. Die ganze Familie steigt ins Auto, der Vater startet den Motor und schaltet ihn gleich wieder aus: „So, wir sind da. Alles aussteigen, bitte.“ Sophie stürmt als Erste ins Haus, kickt die Stiefel in die Ecke, schüttelt die Jacke ab, schnappt sich ihr Tablet und ruft: „Ich muss sofort fünf Dinge essen.“ Der Vater eilt in Schuhen und Mantel in die Küche und serviert den ersten Gang. Der Error-Loop ist durchbrochen. Leonard hat auch schon alle Uhren im Haus zurückgestellt, damit ein Ereignis, für das die Familie zu spät war, doch noch rechtzeitig stattfand.
Damit der Pegel gar nicht erst so hoch steigt, braucht das Kind Wege, ihn abzubauen. Das Buch bündelt sie als ABCD-Regulation. A steht für außergewöhnliches Interesse, also das aktuelle Spezialinteresse, das Pandas meist regelmäßig wechseln. Es kann Anforderungen tragen: Höhe und Körperumfang des geliebten Stegosaurus zu berechnen fällt leichter als Gleichungen zu lösen, und der Abend mit Zähneputzen, Waschen und Umziehen läuft besser im Paw-Patrol-Hauptquartier, wo die Stationen dieselben sind wie bei Chase und Rubble vor dem Einsatz.
B steht für Bildschirme. Pandas schauen oft mehr Medien als gleichaltrige Kinder, weil sie sich damit regulieren. Sie sehen immer wieder dasselbe, denn Vorhersehbares gibt Kontrolle, und das Nervensystem kann herunterfahren. Leonard hat erlebt, dass Kinder mit freiem Zugang oft selbst merken, wann es genug ist, und rät, Medien als frei verfügbares Hilfsmittel zu sehen. Warum Kinder auch nach Tagen plötzlich auf frühere Situationen zurückkommen, erklärt er mit einer Hypothese: Sie verarbeiten Reize zeitverzögert, wie ein Browser mit vielen offenen Tabs. Er nennt das ausdrücklich noch unbelegt.
C steht für Co-Regulation, von Leonard „begleitendes Existieren“ genannt: Eine enge Bindungsperson reguliert das Kind allein durch Anwesenheit, manchmal auch ohne Berührung. Meist verlangt das Kind volle Aufmerksamkeit und bestimmt, wo man sitzt und was man sagt, was Leonard als vorbeugendes Equalizing deutet. Das Buch hält fest, dass nur regulierte Eltern co-regulieren können und dass kein Elternteil das dauerhaft allein leisten kann. D steht für Dopamin: Zucker, Neues und sensorische Reize. Wenn das Kind ein zweites Eis will, ist es nach Leonard weder frech noch ungezogen, sondern braucht Regulation. Im Notfall-Kit für unterwegs liegt deshalb etwas Süßes, am besten Schokolade. Dazu kommen Trampolinspringen, Schaukeln, Kneten oder Gewichtsdecken. Süßigkeiten, Bildschirmzeit und enge Nähe sind nach Leonard „moralisch neutral“: Hilfsmittel, die den Alltag erleichtern.
Soll das Kind diagnostiziert werden? Leonards Antwort ist ein Ja mit Einschränkungen. Das Wichtigste bleibt das Zuhause, denn dort liegen 99 Prozent der Begleitung. Weil die Wartezeit auf einen Diagnostikplatz im deutschsprachigen Raum zwölf bis achtzehn Monate beträgt, rät er, sich früh auf Wartelisten zu setzen, auch wenn es gerade gut läuft. Lieber habe man eine Diagnose in der Schublade, die man nie herausholen muss, als Unterstützung, auf die man keinen Zugriff hat. Eine eigene PDA-Diagnose gibt es bisher nicht, PDA lässt sich aber als Profil im Autismus-Spektrum feststellen. Für das Erstgespräch empfiehlt er den Brief an Abklärungsstellen des Fachvereins FABDA mit zwei Checklisten. Ein Antrag auf Pflegegrad ist auch ohne Diagnose möglich.
Wie der Alltag in einer Panda-Familie aussieht, beschreibt das Buch genau. Die Eltern teilen sich die Betreuung auf: Einer hat Dienst, der andere Pause, auch im Urlaub. Für Ferien hat die Familie die 3-plus-2-Methode entwickelt: Die ersten drei und die letzten zwei Tage sind „Yes-Days“, an denen alles gemacht wird, was Leon will, mit möglichst wenig Anforderungen. Dazwischen lässt sich verhandeln. Dass das Leben anders ist als erträumt, spricht Leonard offen an. Er habe Bullerbü bestellt und Training Day bekommen, schreibt er, und beschreibt Trauer als Weg über vier Phasen bis zur „radikalen Akzeptanz“. Der erste Schritt ist, die Trauer auszusprechen.
Im Kapitel zur Schule steht, was helfen kann: kleine Klassen, eine Ruhezone in der Raumecke, Fidget Toys für alle Kinder, ein Patenkind, das mit zur Toilette geht, eine Schulbegleitung und der Verzicht auf Hausaufgaben, denn sie holen die Schule ins sichere Zuhause. Bei Benno, einem siebenjährigen Jungen im Burnout, verlangte die Schule weiter Arbeitsblätter. Seine Mutter ließ sie fallen, doch es besserte sich nichts, denn die Blätter lagen noch in der Schublade. Erst als sie vorschlug, sie gemeinsam und feierlich zu vernichten, war Benno sofort dabei, und danach ging es aufwärts.
Das Buch ist allen zu empfehlen, die ein Kind begleiten, das zu Hause explodiert und draußen funktioniert, und die bisher gehört haben, es liege an der Erziehung. Es erklärt mit einprägsamen Bildern (Fass, Vulkan, Anker), was in einem Pandakind vorgeht, und gibt Sätze und Handgriffe mit, die sich am nächsten Tag ausprobieren lassen. Leonard schreibt, dass manche Tricks, die bei Leon wirken, bei anderen Kindern nicht funktionieren, und umgekehrt. Er versteht seine Strategien als Repertoire zum Ausprobieren. Sein Schlussgedanke gilt auch für Familien ohne Panda: Kinder als gleichwürdige Lebewesen zu behandeln, zugewandt und auf Augenhöhe, statt sie von oben herab zu dirigieren, tut allen Kindern gut.