Good Inside

Becky Kennedy

Empfehlung: 10/10 Kösel-Verlag · 2023 · 384 Seiten · ISBN 978-3-466-31212-2

Worum es geht

Becky Kennedy ist klinische Psychologin, hat eine eigene Praxis und drei Kinder. Zu ihr kommen Eltern, die genau wissen, was für Eltern sie sein wollen, und nicht wissen, wie sie dort ankommen: Die Fünfjährige ist gemein zur Schwester, der Zwölfjährige hört nie zu. Belohnungen und Strafen haben die Eltern längst ausprobiert, und es wird nicht besser.

Kennedy hat solche Methoden selbst als wissenschaftlich belegten Goldstandard gelernt. Nach wenigen Wochen fiel ihr auf, dass ihr bei jedem dieser Ratschläge übel wurde. Ein Time-out schickt ein Kind genau in dem Moment weg, in dem es seine Eltern am meisten braucht. Ihr Ansatz liest Verhalten deshalb als Hinweis auf das, was darunter liegt, und setzt auf Nähe statt auf Gehorsam. Weich ist er nicht: Grenzen, klare Entscheidungen und elterliche Führung gehören ausdrücklich dazu.

Der erste Teil des Buches entwickelt zehn Grundgedanken. Der zweite Teil sammelt Werkzeuge für mehr Nähe und widmet dann jedem Alltagsthema ein Kapitel: Wutanfälle, Frechheit, Quengeln, Lügen, Ängste, Essen, Schlaf, Geschwisterstreit. Jedes beginnt mit einer Szene aus einer Familie (die Namen sind verändert) und endet damit, wie es dort weitergeht.

Gut im Kern

Der Titel nennt den Grundgedanken: Kinder und Eltern sind im Kern gut, auch wenn ein Kind den Bausteinturm seiner Schwester umwirft und danach leugnet. Wer so schaut, fragt nicht mehr „Was ist los mit dir?“, sondern „Was ist gerade schwer?“. Als Hilfe dient eine einzige Frage: Was ist die großzügigste Deutung dessen, was eben passiert ist?

Ein Beispiel aus dem Buch: Der jüngere Sohn erfährt, dass die Eltern den großen Bruder zum Geburtstag allein zum Mittagessen ausführen, und ruft: „Ich hasse euch! Du bist die schlechteste Mama der Welt!“ Die naheliegenden Antworten tragen alle einen Vorwurf in sich: „Ich habe dir gerade ein Spielzeug gekauft, du bist so undankbar“ oder „Wenn du das sagst, macht mich das traurig“. Die großzügige Deutung lautet anders: Er wäre so gern dabei, und Eifersucht und Traurigkeit sind in seinem kleinen Körper so groß, dass sie als harte Worte herausplatzen. Dazu passt die Antwort: „Wow, das sind große Worte. Ich atme einmal durch. Ich höre, wie sehr dich das aufregt. Erzähl mir mehr.“

Kinder reagieren auf die Version ihrer selbst, die Eltern ihnen zurückspiegeln. Wer „selbstsüchtig“ hört, handelt selbstsüchtig, und wer „Du bist ein gutes Kind in einer schweren Zeit“ hört, kann sich leichter beruhigen. Für Eltern gilt der Satz: „Ich bin ein guter Elternteil in einer schweren Zeit.“ Ein Freibrief ist das nicht. Das Verhalten wird begrenzt, das Kind nicht abgewertet.

Zwei Dinge sind wahr

Der zweite Grundgedanke besteht darin, zwei Wahrheiten gleichzeitig stehen zu lassen. Eltern entscheiden, und das Kind darf dazu fühlen, was es fühlt: „Ich habe entschieden, dass du den Film nicht schaust. Und du bist sauer auf mich, richtig sauer. Das verstehe ich. Du darfst wütend sein.“ Der Ton ist dabei warm, nicht nach dem Muster „und es ist mir egal“.

Wie das einen Machtkampf auflöst, zeigt die Jacke. Das Kind will ohne Jacke in den Garten: „Mir ist nicht kalt.“ Statt zu überzeugen, sagt der Elternteil: „Moment, ich atme kurz. Ich mache mir Sorgen, weil es windig ist. Du sagst, dein Körper friert nicht so schnell. Habe ich das richtig verstanden?“ Dann: „Was können wir tun? Bestimmt finden wir etwas, womit wir beide leben können.“ Das Kind schlägt vor, die Jacke mitzunehmen und anzuziehen, wenn ihm kalt wird. Geht es bei zwei Grad und starkem Wind um Sicherheit, steht die Entscheidung: Die Jacke wird getragen, und wütend sein darf das Kind trotzdem. Aus „ich gegen du“ wird so „wir gegen das Problem“.

Eine Geschichte aus der Küche

Der vierjährige Liam will die blaue Trinkflasche, weil Blau seine Lieblingsfarbe ist. Seine sechsjährige Schwester Charlotte hat sie schon in der Hand. Die Mutter, Allison, bleibt freundlich: „Die hat Charlotte schon. Du kannst heute die rote oder die grüne nehmen.“ Liam geht zur Schublade und wirft die Flaschen quer durch die Küche. Als Allison näher kommt, schlägt und kneift er sie und schreit: „Ich hasse dich, ich hasse dich!“

Nach Kennedy ist das kein Trotz. Das denkende Gehirn ist abgeschaltet, der Körper reagiert, als wäre er bedroht, und Liam hat Angst vor der Wucht seiner eigenen Gefühle. Allison sagt deshalb nicht „Hör bitte auf“, denn das würde dem Vierjährigen die Aufgabe zuschieben, sich selbst zu bremsen. Sie sagt: „Ich lasse nicht zu, dass du die Flaschen wirfst“, und handelt. Sie zieht ihn von der Schublade weg und trägt ihn in sein Zimmer. Einen Schlag fängt sie ab, indem sie sein Handgelenk hält. Dabei spricht sie wenig: „Mein wichtigster Job ist, dich zu beschützen. Gerade heißt das, dich in dein Zimmer zu tragen und bei dir zu bleiben. Du bist nicht in Schwierigkeiten. Ich liebe dich.“

Sie schließt die Tür und setzt sich neben ihn. Liam brüllt, sie solle verschwinden. Allison stellt sich vor, dass er gar nicht mit ihr spricht, sondern mit den furchtbaren Gefühlen in seinem Körper. Als ihr Herz zu rasen beginnt, sagt sie: „Ich brauche einen Moment. Ich bin gleich vor der Tür und komme wieder. Ich liebe dich, du bist ein guter Junge.“ Draußen atmet sie dreimal tief durch, geht zurück, fängt noch einen Tritt ab und sagt nur noch: „Ich bin da.“ „Lass es raus.“ Irgendwann beruhigt sich Liam und bittet um eine Umarmung. Sie gibt sie ohne Vortrag und ohne Groll: „Ich weiß. Ich weiß. Ich liebe dich.“

Für solche Momente nennt das Buch eine Reihenfolge: kleiner, sicherer Raum, an der Tür sitzen, hörbar atmen, wenig sagen, leise und langsam sprechen und zur Seite schauen, weil direkter Blickkontakt im Alarmzustand bedrohlich wirken kann. Das Kind spricht gerade eine andere Sprache: Es versteht die Absicht und die Bewegungen, die Worte kaum. Der Wunsch zu beißen darf da sein, nur das Beißen nicht. Am nächsten Tag kann die Geschichte noch einmal erzählt werden: „Du wolltest mit Dante und Kato spielen, und Dante hat nein gesagt …“ Das genügt. Eine Lösung braucht es nicht.

Wasser mit neun Eiswürfeln

Kennedy erzählt auch aus ihrem eigenen Zuhause. An einem Samstagnachmittag verlangt ihr Sohn Wasser mit neun Eiswürfeln. Dann ist das Wasser zu kalt, es soll wärmer werden, aber die Eiswürfel sollen drinbleiben. Beim Essen will er die Nudeln ohne Käse, dann doch etwas Käse, dann nur Käse, dann weder Nudeln noch Käse. Kennedy merkt, wie ihr die Haut kribbelt.

Dann kommt ihr ein anderer Gedanke: Er bittet sie gerade, eine Grenze zu halten, damit er etwas herauslassen kann. Sie hört auf, die Lage verbessern zu wollen, und sagt: „Nichts fühlt sich gut an, was? Nichts ist so, wie du es willst. Das kenne ich, mein Schatz. Manche Momente sind so.“ Der Sohn antwortet nicht: „Mama, du verstehst mich so gut.“ Er schreit, protestiert und weint. Sie bringt ihn in sein Zimmer und bleibt bei ihm, bis alles draußen ist. Sie weiß, dass er das braucht.

Für Quengeln gibt Kennedy eine Formel: starker Wunsch plus Ohnmacht. Das Kind will etwas und kann nichts daran ändern. Dagegen helfen Humor und Spiel, solange sie nicht in Spott kippen. Eine Mutter, deren Tochter quengelnd einen spitzen Bleistift verlangt, fragt: „Wie ist die Quengelei denn hier hereingekommen?“ Sie wirft sie zum Fenster hinaus und fragt dann: „Okay, entschuldige, was wolltest du?“ Der Bleistift kommt, und das Abendessen verläuft ohne Streit.

Nähe als Vorrat

Die Werkzeuge im zweiten Teil beruhen auf einem Bild: Das Kind hat ein Konto, und die Währung ist Nähe. Eltern geben davon ständig aus, wenn sie ein Kind bitten aufzuräumen, aufzuhören oder zu gehen. Deshalb muss auch eingezahlt werden, am besten in ruhigen Momenten, denn Körper lernen schlecht, solange sie im Alarm sind.

Das am häufigsten empfohlene Werkzeug heißt Spielzeit ohne Handy. Zehn bis fünfzehn Minuten, das Handy ausdrücklich in ein anderes Zimmer gelegt, das Kind bestimmt das Spiel. Die Eltern beschreiben („Du baust einen Turm“), machen nach, wenn das Kind zeichnet, wiederholen („Du willst Lastwagen spielen“) und stellen keine Fragen. Auch zwei Minuten zählen.

Das Auffüllspiel entstand, als Kennedys ältester Sohn nach der Geburt des jüngsten schroff und schnell wütend war. Darunter lagen Fragen: Werde ich noch gesehen? Bekomme ich genug von Mama und Papa? Wenn er schwierig wurde, sagte sie langsam und warm: „Ich glaube, du bist nicht richtig voll mit Mama.“ Er zeigte auf seine Oberschenkel: „Nur bis hier.“ Dann gab es Umarmungen und feste Drücker, bis der Pegel bis zum Scheitel stieg, und zum Schluss einen Extra-Drücker als Vorrat. Sofort besserte sich das Verhalten nicht, aber es war der Wendepunkt.

Mit der emotionalen Impfung werden schwere Momente vorher durchgesprochen. Vor dem Ende der Bildschirmzeit: „Gleich wird es schwer aufzuhören, oder? Mir fällt das auch schwer.“ Dann darf das Kind den Protest vorab üben, in leichtem Ton: „Noch fünf Minuten! Meine Freunde dürfen viel länger!“ So kann es gelingen, dass das Kind eines Tages sagt: „Ich wünschte, ich dürfte noch eine Folge schauen“, statt die Fernbedienung zu werfen.

Bitten, die ankommen

„Mein Kind hört nicht“ heißt für Kennedy meist: Das Kind kooperiert nicht, wenn Eltern etwas wollen, das es nicht will. Zuhören ist ein Barometer für die Beziehung. Außerdem verlangen Eltern ständig, etwas Schönes zu beenden und etwas weniger Schönes zu tun. Wer beim Mittagessen mit einer Freundin gebeten wird, abzubrechen und ein Klo zu putzen, würde auch ablehnen.

Das Buch bietet mehrere Wege. Erst die Welt des Kindes sehen, dann bitten: „Du hast so lange an dem Turm gebaut. Gleich ist Badezeit, danach kannst du weiterbauen.“ Wahl geben, aber nur zwischen Dingen, die für die Eltern in Ordnung sind: „Wir können jetzt gehen, oder ihr spielt noch ein Kartenspiel. Du entscheidest, ich vertraue dir.“ Und der Augen-zu-Trick: Die Eltern halten sich die Hände vor die Augen und kündigen an: „Wenn ich gleich die Augen öffne und ein Kind hat die Schuhe an, weiß ich nicht, was ich mache. Vielleicht muss ich einen albernen Hüpftanz aufführen und umfallen.“ Das Kind hat das Sagen, spürt Vertrauen und freut sich auf den Auftritt.

Beim Rollentausch-Spiel ist das Kind fünf Minuten lang der Erwachsene und darf bestimmen, solange es sicher ist. Die Eltern jammern dabei übertrieben: „Ich soll die Magnetplättchen wegräumen? Ich will nicht!“ Ein Junge lässt seine Mutter auf einem Bein hüpfen und Buntstifte wegräumen, und sie hat mehr Spaß, als sie erwartet hat. Am Abend klappt das Aufräumen mit weniger Widerstand.

Wenn Kinder nicht über Gefühle reden wollen

Manche Kinder fühlen tiefer und schneller. Kennedy nennt sie „tief fühlende Kinder“. Ihre Wut kommt aus dem Nichts, ihre Gefühle halten länger an, und Hilfe nehmen sie oft nicht an: Gefühle zu benennen oder Unterstützung anzubieten, kann sie noch wütender machen. Die sechsjährige Maura kitzelt ihre kleine Schwester, kneift sie, schubst sie. Die Mutter sagt: „Ich lasse nicht zu, dass du haust.“ Das reicht, und Maura tritt und brüllt: „Ich hasse dich, und ich meine es so.“ Der Begriff PDA fällt im Buch nicht, doch viele Eltern werden die Beschreibung erkennen.

Kennedys Antwort: Dem Kind fehlt nichts, den Eltern auch nicht. Die Mutter trägt Maura in ihr Zimmer, sagt „Du bist nicht in Schwierigkeiten, du bist ein gutes Kind in einer schweren Zeit“, setzt sich dazu und sorgt für die eigene Ruhe, nicht für die von Maura. Das Wichtigste ist die Anwesenheit, ruhig und ohne viele Worte. Sie sagt dem Kind, dass es nicht zu viel ist. Abends spielt die Mutter das Daumenspiel: Das Kind liegt da, ohne Blickkontakt, und darf sich sogar unter dem Bett verstecken. Die Mutter sagt Sätze, Daumen hoch heißt ja, Daumen runter nein, zur Seite „so ungefähr“. Zuerst kommt etwas Albernes, bei dem sicher ein Daumen runter kommt („Meine Schwester hat 500 Kugeln Eis bekommen und ich nur eine“), dann ein Satz, der stimmen könnte. So erfährt die Mutter, dass Maura am selben Tag auf dem Schulhof von einem älteren Kind geschubst wurde.

Wiedergutmachen und durchatmen

Kein Elternteil schreit nie. Im Buch zählt, was danach geschieht. Wiedergutmachen ist nach zehn Minuten möglich, nach zehn Tagen und nach zehn Jahren. Dafür gibt es vier Bausteine: sagen, dass man nachgedacht hat, anerkennen, wie es für das Kind war, sagen, was beim nächsten Mal anders wird, und neugierig fragen. „Ich muss heute daran denken, wie ich im Spielzimmer geschrien habe, nachdem du den Turm deiner Schwester umgeworfen hast. Es tut mir leid. Ich hätte lieber gefragt, was vorher los war. Darf ich es noch mal versuchen? Magst du mir erzählen, was da war?“ Eine Mutter berichtet, wie sie ihrer achtjährigen Tochter sagte, dass ihr die vielen Time-outs leidtun, und wie sie sah, dass der Körper der Tochter weich wurde.

Auch die Eltern kommen vor. Ein ganzes Kapitel gehört ihnen: der Kakao-Atem (einatmen, als röche man heiße Schokolade, so langsam ausatmen, dass keine Marshmallows wegfliegen), der Dreiklang Anerkennen, Bestätigen, Erlauben („Es ergibt Sinn, dass sich dieser Tag schwer anfühlt“) und das Bild vom Tennisplatz: Die Entscheidung steht auf der eigenen Seite, der Ärger der anderen auf deren Seite. Als kleine erste Übung genügt es, den Kaffee heiß zu trinken.

Fazit

Das Buch ist allen zu empfehlen, die ein Kind begleiten, dessen Wut Angst ist, und die einen Weg suchen, der ohne Strafen und ohne Nachgeben auskommt. Es zeigt in Szenen und Sätzen, wie Grenzen und Wärme zusammengehen, nimmt den Eltern Schuldgefühle und liefert Werkzeuge für den Moment, in dem alles brennt. Der Gedanke, der durch das ganze Buch läuft: Das Kind hat eine schwere Zeit. Es macht kein Drama, es erlebt eines. Kennedy sagt selbst, nicht jedes Werkzeug passe zu jedem Kind. Das Buch lädt zum Ausprobieren ein. Und was einmal danebengeht, lässt sich wiedergutmachen.