Saskia Niechzial
Saskia Niechzial ist Lehrerin und Mutter mehrerer Kinder. Nach einer späten Diagnose weiß sie: Sie liegt im Autismus-Spektrum, hat ADHS und ist hochbegabt. Mehrere ihrer Kinder haben ebenfalls Diagnosen. Welche, verrät sie nicht. Das Buch bezeichnet solche Menschen als neurodivergent: Ihr Gehirn arbeitet anders als das der Mehrheit. Dazu zählen ADHS, Autismus, Hochbegabung, Legasthenie, Dyskalkulie, Hörverarbeitungsstörung und Dyspraxie, auch Hochsensibilität wird besprochen. PDA kommt nur in einem Absatz vor. Gemeint ist ein Verhaltensprofil innerhalb des Autismus-Spektrums, bei dem Regeln, Routinen und sogar Lob überfordern können.
Die Autorin will „einen Ort mit Informationen, Anlaufstellen und einem Überblick“ schaffen, an dem Eltern sich nicht mehr so allein fühlen. Der Weg führt vom ersten Bauchgefühl über die Diagnostik und die Stärkung der Eltern bis hin zu Familienalltag und Schule. Warum die Note bei 5 von 10 liegt, erklärt der Abschnitt „Was das Lesen schwer macht“.
Das Buch beginnt mit einem nassgrauen Februartag. Die Autorin sitzt mit ihrem Mann im sterilen Flur eines Gebäudekomplexes aus den Siebzigerjahren. Hier, im Sozialpädiatrischen Zentrum, werden Kinder mit Auffälligkeiten in der Entwicklung untersucht. Ein Jahr aus Gesprächen, Tests und Terminen liegt hinter der Familie. Die Autorin knibbelt an einem Taschentuch. Ihre Fitnessuhr meldet einen alarmierend hohen Puls, und sie hat kaum geschlafen. Was, wenn sie sich all die Jahre geirrt hat? Was, wenn das Kind all die Fragen und Beobachtungen umsonst durchgestanden hat? Und wenn am Ende doch die Eltern schuld sind?
Dann ruft die Psychologin die beiden ins Büro. Die Reste des Taschentuchs wandern in die Jackentasche. Mitten im Bericht fällt der Satz: eine gesicherte Diagnose, mehrere sogar. Die Autorin merkt erst jetzt, wie lange sie die Luft angehalten hat, und ein paar Tränen laufen. Die Familie hat nun eine Erklärung, Namen für das Erlebte und eine Richtung. Auf dem großen Parkplatz vor dem Gebäude fühlt sie sich leichter. Später sitzt die Familie für ein weiteres Kind im selben Büro, und auch die Autorin selbst lässt sich als Erwachsene untersuchen.
Schon nach der Geburt des ältesten Kindes lautet der erste Satz der Autorin: „Macht das Licht aus, das ist ihm zu hell.“ Die Ärztin antwortet, das nehme das Kind noch gar nicht wahr. In der Krabbelgruppe besabbern die anderen Babys das Spielzeug, ihr Kind verlässt den Schoß nicht und schreit bei jedem Rasseln. Beim Windelwechseln schauen andere Eltern und Babys sich in die Augen, ihr Kind dreht den Kopf weg. Die Umgebung beruhigt: Das haben doch alle mal, das ist nur eine Phase. Die Autorin schließt daraus, sie sei keine so gute Mutter. Beim zweiten Kind heißt es dann, es habe die Eltern im Griff; außerdem wird gefragt, ob sie zu früh wieder arbeiten gegangen sei.
Fünfeinhalb Jahre vergehen. Im Lockdown 2020, als die Zusammenarbeit mit der Kita wegbricht, sitzt sie bei der Kinderärztin und sagt: „Unsere Kinder und wir brauchen Hilfe.“ Hilfreich waren damals die wenigen Menschen, die sie nicht beschwichtigten, sondern fragten: „Was denkst du, was dahinterstecken könnte?“ Das Buch empfiehlt deshalb, Freunde und Familie gezielt um eine ehrliche Einschätzung zu bitten, etwa mit dem Satz: „Ich trage das bereits eine Weile mit mir herum.“
Dieser Teil nimmt den größten Platz im Buch ein. Das erste Argument: Schubladen gibt es auch ohne Diagnose. Der Psychiater Michael Jelinek stellte an Schulen fest, dass Kinder mit ADHS bis zum zehnten Lebensjahr bis zu 20.000 negative Kommentare mehr hören als Gleichaltrige. Die Autorin selbst saß als Kind in der „Ich bin faul“-Schublade. Mit Diagnose gibt es dagegen eine Erklärung, Strategien und die Erfahrungen anderer. Hinzu kommt: Leidensdruck sei ein schlechter Maßstab, denn viele Kinder verbergen, was sie belastet, besonders Mädchen und hochbegabte Kinder. Ein Teilnehmer ihrer Therapiegruppe sagte: „ADHSler bin ich doch immer.“ Und der Satz „Du bist richtig, wie du bist“ trägt irgendwann nicht mehr, wenn der Alltag etwas anderes zeigt.
Auch praktische Gründe nennt das Buch. Eine Schulbegleitung setzt eine Diagnose voraus, den Nachteilsausgleich regeln die Bundesländer verschieden: Bei Autismus gibt es meist einen Anspruch, bei ADHS allein nicht. Manche Eltern werden erst ernst genommen, wenn sie etwas Schriftliches vorlegen. Zu den Einwänden hat die Autorin Antworten. Eine „Ausrede“ ist ein vorgeschobener Grund. Hier aber gibt es einen wahren Kern: Die Kinder wollen von sich aus mitmachen. Ein starres Selbstbild entstehe schon vor der Diagnose, aus dem Gefühl „ich kriege es eh nicht hin“. Als Nachteile nennt sie private Kranken- und Berufsunfähigkeitsversicherungen, die Zuschläge verlangen oder ablehnen können, und eine unklare Lage bei der Verbeamtung. Bewerbungen müssen keine Diagnose enthalten. Eine Garantie gibt es nicht: Eine Diagnose verspricht weder ein Leben ohne Leid noch verständnisvolle Lehrkräfte. Sie erhöht lediglich die Chancen auf passende Hilfen.
Bei der Familie der Autorin vergingen knapp elf Monate bis zum Start der Diagnostik und insgesamt anderthalb Jahre bis zur Diagnose. Auf dem Land dauert es oft länger. Das Buch rät deshalb, sich früh zu melden. Untersuchungen beginnen üblicherweise im Alter von fünf bis sechs Jahren, bei Autismus teils früher. Legasthenie und Dyskalkulie werden meist nicht vor dem zweiten Schuljahr abgeklärt. Vor dem Schulstart lohnt es sich, weil die Schule dann von Anfang an Rücksicht nehmen kann. In die ersten Schulwochen sollte der Test dagegen nicht fallen, denn Erschöpfung oder Schulanfangsfreude können das Bild verfälschen. In der Pubertät lehnen Jugendliche eine Diagnose eher ab.
Der Ablauf: Die Kinderärztin schließt körperliche Ursachen aus (Hör- und Sehtest) und stellt eine Überweisung aus. Dann folgen mehrere Termine in einem Sozialpädiatrischen Zentrum oder bei Fachleuten der Kinder- und Jugendpsychiatrie oder Psychologie: Gespräche, Fragebögen, auch für Kita und Schule, Beobachtung und Tests. Im Abschlussgespräch lohnt es sich, Fragen vorher aufzuschreiben: Was bedeutet die Diagnose genau? Was braucht das Kind jetzt? Wie spricht die Familie mit dem Kind darüber? Auch einen eigenen Termin für das Kind kann man erfragen. Wird keine Diagnose gestellt, war der Weg nicht umsonst: Psychotherapie setzt keine Diagnose voraus, Ergotherapie lediglich eine Verordnung, und eine Zweitmeinung ist möglich.
Eine Szene aus dem Klassenzimmer zeigt, wie die Lehrerin Fairness erklärt. Ein Kind sagt: „Das ist unfair!“, weil ein anderes etwas Besonderes bekommt. Die Lehrerin holt ein Kind nach vorn. Es hat sich das Knie aufgeschürft, die Klasse nennt Trost, frische Luft und ein Pflaster. Dann kommt ein zweites Kind mit Kopfschmerzen, und die Lehrerin klebt ihm ein Pflaster auf den Kopf. Die Klasse protestiert und nennt Ruhe, Wasser und eine Tablette. Beim dritten Kind, mit Bauchschmerzen, greift sie wieder zum Pflaster, wieder Protest: Hier hilft eine Wärmflasche oder eine warme Suppe. Fair heißt nicht, dass alle dasselbe bekommen, sondern dass jeder bekommt, was er braucht. Eine Schülerin merkt an: „Frau N. ist ja immer zu allen nett. Außer wir lachen, wenn sich jemand verrechnet.“
Für den Alltag sammelt das Buch viele kleine Hilfen. Bei den Hausaufgaben statt einer Sanduhr ein Aufgabenpaket: „Wenn du Aufgabe 1 und 2 erledigt hast, ist Pause.“ Die Eltern erledigen nebenan ihre eigenen Aufgaben, während das Kind im Windschatten arbeitet. Dauert es zu lange, wird abgebrochen und der Lehrkraft ehrlich gemeldet: „Seine Konzentration war aufgebraucht, wir bitten um Nachsicht.“ Eine Leserin erklärte ihrer Tochter die ADHS-Diagnose mit einem Bild: Das Gehirn ist ein starkes Rennauto, nur die Bremse hakt manchmal. Kleidung wird erträglicher, wenn die Socken auf links getragen werden, die Sonnencreme kommt als Roll-on, Trauben werden aufgeschnitten. Ein Schlaftagebuch über zwei Ferienwochen zeigt den tatsächlichen Schlafbedarf. Die gemeinsame Mahlzeit gibt die Autorin frei, und mit der Zeit entstehen von selbst Momente, in denen alle zusammen essen. Eltern bekommen ein ganzes Kapitel: eine Auszeitenliste, was wem guttut, und den Hinweis, dass Paare mit autistischem Kind laut einer Studie im Schnitt 21 Minuten pro Tag weniger gemeinsame Zeit haben.
Das Buch will viel auf einmal: acht Formen von Neurodivergenz, dazu Diagnostik, Eltern, Alltag und Schule. Dadurch bleibt vieles an der Oberfläche, und die Autorin sagt selbst, nicht jede Strategie passe zu jeder Diagnose. Die Merkmale jeder Form stehen als lange Listen, die sich beim Hören kaum merken lassen. Die Geschichten sind meist Kurzszenen mit wenigen Sätzen. Von den eigenen Kindern erzählt die Autorin nur Allgemeines, weil sie deren Diagnosen nicht nennt.
Der Titel verspricht Stärken. Dazu gibt es eine Liste mit rund 25 Eigenschaften, etwa Gerechtigkeitssinn, Ehrlichkeit, Detailblick und Humor, ein Kapitel mit Stimmen von Eltern und Beispiele für passende Hobbys und Berufe. Ausgeführte Szenen dazu fehlen fast ganz. Das Thema Diagnostik macht gut ein Fünftel des Buchs aus, taucht aber auch in vielen anderen Kapiteln wieder auf. Ein Plus für Familien in Deutschland: Das Buch bezieht sich auf die hiesigen Wege, also Sozialpädiatrische Zentren, Nachteilsausgleich der Bundesländer und Eingliederungshilfe.
Genannt werden Autismus Deutschland e. V. mit einem Merkblatt zur Feststellung einer Behinderung, Familien- und Erziehungsberatungsstellen, Sozialpädiatrische Zentren, das Versorgungsamt, das Jugend- und Sozialamt für die Eingliederungshilfe, Schulpsychologische Dienste und der mobile sonderpädagogische Dienst. Als weiterführende Bücher empfiehlt die Autorin „solo, selbst und ständig“ von Anne Dittmann für Alleinerziehende, „Begleiten statt verbieten“ von Leonie Lutz und Annika Osthoff zum Thema Medien, „So feinfühlig und so stark“ von Katrin Borkhoff zu Hochsensibilität und „Schule Backstage“ von Matthias Zeidler. Zum Buch gehört ein Begleit-PDF mit Materialien, auf das auch in der Hörbuchfassung hingewiesen wird.
Das Buch ist allen zu empfehlen, die vor der Frage stehen, ob und wann ihr Kind abgeklärt werden soll, und die dafür Argumente, einen Ablauf und Gesprächssätze brauchen. Wer Alltagsszenen sucht, findet sie als kurze Einschübe. Wer nur das Wichtigste mitnehmen möchte: Die Diagnostik braucht Zeit. Bei der Autorin dauerte es anderthalb Jahre, deshalb sollte man sich frühzeitig melden. Vor dem Schulstart ist ein guter Zeitpunkt, denn der Übergang in die Schule macht vielen neurodivergenten Kindern zu schaffen. Und mit einer Diagnose lässt sich gegenüber Schule und Ämtern der Unterstützungsbedarf leichter belegen.